Als die Odeg vor gut zwei Jahren den Zuschlag vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) für den RE2 Cottbus-Berlin-Wismar erhalten hatte, war die Euphorie groß. Schneller und komfortabler sollte es auch aus der Lausitz für Tausende Berlin-Pendler rollen. Doch schon vor dem scharfen Start am Sonntag ist auch bei der Odeg Ernüchterung eingekehrt. So wie die Bahn mit dem neuen ICE von Siemens und den Talent 2 von Bombardier Lieferprobleme hat, kommen nun auch die von der Odeg bei Stadler Berlin bestellten Kiss-Doppelstockzüge nicht auf die Schiene. Jetzt muss die im Wettbewerb um diese Strecke unterlegene DB Regio der Odeg aushelfen. Mit kompletten Zügen. Was danach ausschaut, als würde sich damit nichts verändern, ist ein Trugschluss.

Denn DB Regio borgt nicht die schnellen Taurus-Loks für die gerade auf 160 km/h ausgebaute Strecke aus. "Die setzen wir natürlich auf unseren Hauptstrecken ein", sagt Burkhard Ahlert, DB-Sprecher für Berlin/Brandenburg. Um den Fahrplan halten zu können, hat der VBB deshalb zwei Haltepunkte weitgehend gestrichen. So stoppen in Brand, dem Bahnzugang zum Freizeitparadies Tropical Islands, Züge fast nur noch in der Nacht. Die Tropical-Geschäftsführung und der Landkreis laufen bereits gegen die "Lösung" Sturm. "Wieder einmal muss der Bahnreisende für diese unzumutbare Situation bezahlen", erklärt Dieter Doege, Landesvorsitzender des Fahrgastverbandes pro Bahn gegenüber der RUNDSCHAU. Zwar verkehren die Züge weiter im Stunden-Takt, aber die "jetzt veröffentlichten Fahrpläne sind ein schlecht durchdachtes Flickwerk und der Situation in keiner Weise angemessen".

Von diesem Szenario zu Beginn des Winterfahrplans ist nach Einschätzung des ausgewiesenen Kenners aber niemand kalt erwischt worden. "Es war leichtfertig vom VBB zu glauben, dass in nur zwei Jahren ein neuer Zug zur Verfügung stehen würde. Das ist unrealistisch", erläutert Dieter Doege. Aufgrund der Pannen bei ICE und Talent 2 hätte man es besser wissen können. Und dennoch will Doege niemandem den Buhmann zuschieben. Es seien zu kurze Ausschreibungsfristen für die Hersteller und eine Vielzahl neuer Sicherheitsvorschriften, die beachtet und vom Eisenbahn-Bundesamt geprüft werden müssten. "Dafür reicht die Zeit bei Weitem nicht." Der pro Bahn-Chef verweist auf Bundesbahn-Zeiten, wo neu entwickelte Drehstromlokomotiven zehn Jahre gebraucht haben, ehe sie in den Verkehr gehen konnten. "Heute reicht die Zeit bei Weitem nicht aus."

Das räumt unterdessen auch der Vorsitzende der Odeg-Geschäftsführung Arnulf Schuchmann ein. "Am Freitag haben wir es Schwarz auf Weiß erhalten, dass unsere KISS keine Zulassung bekommen." Das ärgere ihn. Dennoch macht Schuchmann in Zweckoptimismus. "Unser Ersatzkonzept wird funktionieren", ist er gegenüber der RUNDSCHAU zuversichtlich. Die Odeg habe moderne Züge mit gutem Service anbieten wollen. Darauf müssten die Reisenden nun leider noch warten. Was den Haltepunkt Brand betreffe, sei die Situation unbefriedigend. Aber zehn Minuten nach dem RE2 würde die RB14 verkehren, mit der Brand nach vorherigem Umstieg weiter gut zu erreichen sei.

Für das Land Brandenburg, das die Strecken ausschreibt und letztlich den Zuschlag gibt, steht die Odeg jetzt unter besonderer Beobachtung. Mit dem VBB werden Takt, Qualität und Standards unter die Lupe genommen. "Wir ärgern uns, dass es nicht klappt", sagt Verkehrsminister Jörg Vogelsänger (SPD). Sein Sprecher Lothar Wiegand fügt hinzu, "Was die Odeg nicht leistet, wird auch nicht bezahlt." Dem Fahrgastverband pro Bahn reicht das nicht. Der Kunde bezahle für programmierte Verspätungen und zusätzliche Umstiege den vollen Preis. "Das geht so nicht", sagt Doege. Für ihn sei zudem das prognostizierte Ende der Fahrplan-Ersatzmaßnahme am 9. Februar 2013 längst nicht sicher. Das Ganze erinnere an die häppchenweise Verschleppungs- und Vertuschungstaktik zu den Verzögerungen beim neuen Flughafen Berlin Brandenburg. Zudem verweist Doege darauf, dass beim Talent 2 "aus einigen Monaten Verzögerung über zwei Jahre geworden sind".

Mit dem Fahrplanwechsel erreicht dieser neue Zug, der bei Bombardier in Hennigsdorf jahrelang auf dem Abstellgleis gestanden hat, jetzt aber auch verstärkt die Lausitz. Das Eisenbahnbundesamt genehmigt zunehmend. Neben den Regionalbahnen rund um Potsdam werde Stück für Stück die RB43 (Cottbus-Calau-Falkenberg) und der RE10 (Cottbus-Leipzig) damit ausgestattet, erklärt Bahnsprecher Ahlert.

Zum Thema:
Die Ticketpreise erhöhen sich ab Sonntag um durchschnittlich 2,8 Prozent. Die Bahn rechtfertigt dies mit gestiegenen Kosten für Strom. Der Fahrgastverband pro Bahn hält entgegen, dass die Qualität die Preiserhöhung nicht rechtfertigt. Wer zum Fahrplanwechsel ab 9. Dezember in VBB-Regionalzügen - trotz Automat oder Service-Schalter auf dem Bahnhof - keinen gültigen Fahrschein besitzt, muss mit einer 40-Euro-Strafe rechnen. Die bisherige straflose Nachlösemöglichkeit wurde abgeschafft. Die Odeg kündigt an, bis Ende Januar 2013 noch kulant zu verfahren. Auf der RE11-Strecke zwischen Cottbus und Frankfurt (Oder) wird ab Sonntag ein Stundentakt realisiert, was vor allem Berufspendlern entgegenkommt.An den Hinweistafeln für den Regionalverkehr im VBB werden ab sofort nur noch die Produktbezeichnungen RE (Regionalexpress) oder RB (Regionalbahn) verwandt. Einzige Ausnahme bleibt die von der Odeg befahrene Strecke OE65 zwischen Cottbus und Görlitz. Hier will der Zweckverband Verkehrsverbund Oberlausitz-Niederschlesien (ZVON) erst 2013 entscheiden.