„Und dann kommt doch die Angst, dass
das Kind weint,
sich gegen einen sperrt und nicht
zu beruhigen ist.
 Thomas Lehnhardt


„Ein Kind zu adoptieren ist eine Entscheidung des Herzens“ hatte Martina Lehnhardt, 42, gesagt, als sie in der RUNDSCHAU erstmals ihre Beweggründe schilderte, die letztlich dazu führten, dass die Familie jetzt nach Südafrika fliegen konnte und ein fünfmonatiges Baby in ihre Familie aufnehmen durfte.
Viele bürokratische Hürden und Prüfungen durch deutsche und südafrikanische Jugendämter lagen hinter der Finanzbeamtin und ihrem Mann, der als Steuerberater in einem großen Cottbuser Büro arbeitet. Gemeinsam mit ihrem leiblichen Sohn Tim (9) und mit der Mutter von Thomas Lehnhardt konnte sich die Familie schließlich Ende Juli Richtung Kapstadt aufmachen.
Die ersten Tage dort dienten der Vorbereitung mit einer Sozialarbeiterin vor Ort, dann musste noch ein langes Wochenende Wartezeit überstanden werden und schließlich rückte der große Moment näher: In dem Säuglingsheim, in dem die kleine Nuraan seit ihrer Geburt gelebt hatte, wurden die Deutschen von den Heimleitern begrüßt, mit Impfausweisen, Fotos, Ernährungstipps und Stofftier versorgt.
Die Hauptrolle aber durfte und musste der kleine Tim spielen: Er allein ging als erster in ein kleines Nebenzimmer, bekam dort das Mädchen in die Arme gelegt und sollte sie dann zu seinen Eltern bringen. „Ich dachte, der Weg zu ihnen geht nie zu Ende“ , sagt er, „das war total aufregend. Ich hatte ja die ganze Zeit Angst, ich lasse Luisa fallen.“
Aber natürlich meisterte er seine Aufgabe und übergab das Baby unversehrt. „Ein feierlicher Moment“ , erinnert sich Martina Lehnhardt, „ich hatte auch tatsächlich Tränen in den Augen.“ Ihr Mann Thomas (43) gibt zu, dass die Anspannung in diesen Momenten vor der Übergabe sehr groß gewesen sei. „Wir hatten so lange gewartet. Und dann kommt doch die Angst, dass das Kind weint, sich gegen einen sperrt und nicht zu beruhigen ist.“
Seine Angst verflog nach zwei Sekunden. „Etwa so lange hat es gedauert, bis wir alle in die Kleine verliebt waren“ , sagt der Vater stolz.
Luisa Nuraan machte es ihrer neuen Familie leicht – sie lachte freundlich, bestaunte jedes fremde Gesicht mit ihren großen schwarzen Augen und ließ sich auch in den folgenden Tagen bereitwillig auf jedes Abenteuer ein. So waren es trotz Dauerregens, unbeheizbarer Unterkunft und vieler Behördengänge schöne „Kennenlerntage“ in Afrika. „Die dortigen Stellen hatten alles perfekt vorbereitet, um die juristischen Formalitäten und Konsulatsbesuche so umkompliziert wie möglich zu gestalten“ , sagt Martina Lehnhardt.
Nur ein Wunsch der Lausitzer konnte nicht erfüllt werden: Das ursprünglich geplante Treffen mit Luisa Nuraans leiblicher Mutter scheiterte. Die junge Frau, die während der Schwangerschaft von einer christlichen Organisation betreut wurde, verließ das Wohnheim kurz vor Ankunft der Familie mit unbekanntem Ziel. Trotzdem werden die Lehnhardts in den kommenden Monaten und Jahren Briefe an diese für sie unbekannte Frau schreiben und im Wohnheim hinterlegen lassen.
„Sie soll“ , so Thomas Lehnhardt, „die Chance haben, den Werdegang ihrer Tochter aus der Ferne mitzuverfolgen.“ Denn dass ihr das Glück des Mädchens am Herzen liegt, wissen die Limberger aus Erzählungen der Kapstädter Sozialarbeiter: Nachdem die junge Afrikanerin sich die Lehnhardts als Eltern für ihre Tochter ausgesucht hatte, sagte sie immer wieder: „Das ist die Familie, die ich selbst nie hatte.“ Im siebten Monat ihrer Schwangerschaft hatte sie sich für eine Adoption an die Lehnhardts entschieden, die Deutschen hatten zu diesem Zeitpunkt aber noch nichts von dieser Chance erfahren – eine Mutter kann in Südafrika bis zu 60 Tagen nach der Geburt ihre Adoptions-Entscheidung widerrufen. Und erst nach Ablauf dieser Frist werden die annehmenden Eltern informiert.
Südafrika gehört zu den Ländern, die Adoptionsverfahren streng überwachen: Kinder, die älter als ein Jahr sind, werden gar nicht mehr ins Ausland vermittelt, um ihnen den starken kulturellen Bruch zu ersparen. Bei den vermittelten Säuglingen überwachen die örtlichen Jugendämter über Jahre hinweg, wie sich die Kinder in ihre neuen Heimatländer integrieren.
So scheint auch in der farbigen Bevölkerung Südafrikas die Entscheidung zur Adoption allgemein akzeptiert. Familie Lehnhardt jedenfalls stieß auf positive Reaktionen. „Wenn wir als weiße Erwachsene ein farbiges Kind durch die Gegend fuhren, war unsere Geschichte sehr offensichtlich“ , so Martina Lehnhardt. „Überall wünschten uns die Menschen God bless you – Gott schütze euch.“ Wie eine Heilige sei sie sich dabei vorgekommen, „dabei sind wir ja nicht ins Land gekommen, um Gutes zu tun – wir wollten einfach nur unsere Familie vervollständigen“ .
Sie gehören damit zu dem, was die Adoptionsforschung die „dritte Eltern-Generation“ nennt. Nach Familien, die zwischen 1950 und 1970 oft unter viel Geheimhaltung adoptierten, folgte in Westeuropa eine idealistische, weltoffene Generation, die Kinder aus oft desolaten Dritte-Welt-Verhältnissen holte, um dann unvorbereitet mit psychosozialen Konflikten konfrontiert zu werden. Über die heutige Generation von Eltern, die Kinder aus dem Ausland adoptieren, schreibt René Hoksbergen, Professor am weltweit einzigen Lehrstuhl für Adoption in Utrecht: „Sie gehören zu einer ökonomisch-realistischen Generation und sind sich der möglichen Probleme von Anfang an bewusst.“
Martina und Thomas Lehnhardt haben alles getan, um sich und Luisa einen guten Start zu ermöglichen. Die Kleine ist kerngesund und fröhlich, ihre Adoptiv-Mutter wird das kommende Jahr über in Elternzeit gehen und später verkürzt arbeiten. Luisa wird alle Möglichkeiten haben, sich ihrer Wurzeln in Afrika zu vergewissern.
Sollte es irgendwann trotz allem zu Identitätsproblemen oder rassistischen Zwischenfällen kommen, so sind die Lehnhardts überzeugt: „Mit Familie hier in Deutschland ist das Leben für sie besser als ohne Unterstützung in einem Slum.“

hintergrund Adoptivkinder aus dem Ausland
 „Zum Zweck der Adoption ins Inland“ geholt, wie das beim Statistischen Bundesamt heißt, wurden im selben Jahr 575 Kinder und Jugendliche. 115 kamen aus Afrika, 161 aus Asien, 195 aus europäischen nicht EU-Ländern und 93 aus Nord- und Südamerika.
Dazu ist noch eine Dunkelziffer zu rechnen: „Privatadoptionen“ , die, vorbei an den offiziellen Vermittlungsstellen und den Jugendämtern, im Ausland vollzogen und dann von einem deutschen Gericht legalisiert werden – schließlich wäre es unmenschlich, das Kind wieder zurück in die Ungewissheit zu schicken. Experten schätzen die Zahl hier auf etwa 250 bis 300 pro Jahr.
Zum Vergleich: Reine Inlandsadoptionen betrafen 2006 4748 Kinder und Jugendliche.