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Familiendrama an der Asylunterkunft

Am nächsten Morgen deutet an der Asylunterkunft in Weißkeißel nichts mehr auf die bewegte Nacht.
Am nächsten Morgen deutet an der Asylunterkunft in Weißkeißel nichts mehr auf die bewegte Nacht. FOTO: Joachim Rehle/jor1
Weißkeißel. Am Mittwoch ist es ruhig an der Asylbewerberunterkunft in Weißkeißel. Nichts erinnert mehr an die gefährliche Lage vom späten Dienstagabend. Christian Köhler und Regina Weiß

"Zuerst lief die Familie hier am Haus vorbei", erzählt eine Anwohnerin der RUNDSCHAU, "doch dann hat der Mann geschrieen, hat einfach wild um sich geschlagen." Kurze Zeit später, ein Anwohner hatte die Polizei alarmiert, war die Kaupener Straße voll mit Rettungskräften, Feuerwehr und mehreren Einheiten der Polizei. "Es war gespenstisch", sagt ein weiterer Anwohner.

Ein 32-jähriger Bewohner der Unterkunft soll am Abend zunächst einen nur wenige Monate alten Säugling in seine Gewalt gebracht haben. Nach RUNDSCHAU-Informationen soll dieser sein Sohn gewesen sein. Kurz darauf habe der aus dem Libanon stammende Mann laut Polizeiangaben aber wieder von dem Jungen abgelassen, übergab ihn an die Mutter und nahm ein weiteres Kind - nach RUNDSCHAU-Informationen seinen Stiefsohn - als Geisel. "Der Mann hat dem achtjährigen Jungen ein Messer an den Hals gehalten und forderte immer wieder Tabletten", berichtet ein Augenzeuge am Mittwoch.

Seit zehn Monaten ist der Libanese in Deutschland, soll, wie es aus dem Umfeld heißt, psychische Probleme gehabt haben. Seit mehreren Tagen fehlten ihm Medikamente, "und er hatte immer wieder Stress mit seiner Frau", so der Augenzeuge. Deshalb habe er an jenem Abend getrunken, letztlich die Kontrolle verloren. Beamte des Polizeireviers Weißwasser sowie des Einsatzzuges der Polizeidirektion Görlitz versuchten, den Geiselnehmer zum Aufgeben zu bewegen. Dieser ließ kurz darauf von dem Kind ab und brachte stattdessen seine 27-jährige Frau ebenfalls in seine Gewalt, wie die RUNDSCHAU von dem Zeugen erfährt. Er habe Flaschen auf die Beamten geworfen, sich einfach nicht beruhigen können. "Es wurde immer wieder auf ihn eingeredet, versucht, ihn zu beruhigen, aber er war so aggressiv und nervös", beschreibt der Augenzeuge weiter. Noch nie habe der Beobachter sich in so einer gefährlichen Situation befunden, sagt er am Tag danach fassungslos.

Inzwischen regnete es an jenem Dienstagabend in Strömen. Mehrere Polizisten und Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), die die Gemeinschaftsunterkunft im Auftrag des Landkreises betreiben, versuchten, den Mann weiter zu beruhigen. Dieser aber forderte seine Tabletten, nur diese könnten ihn beruhigen, so der Beobachter.

Als dann ein Notarzt die geforderten Medikamente übergeben hatte, ließ der Libanese von seiner Frau ab. Beamte des Spezialeinsatzkommandos (SEK) nutzten den kurzen Moment der Übergabe, überwältigten den 32-Jährigen und nahmen ihn vorläufig fest. Der anschließende Atemalkoholtest bei dem Mann bestätigte das, was die Beamten ohnehin schon ahnten, der Geiselnehmer hatte 1,28 Promille intus.

In der Zwischenzeit hatten Beamte des Polizeireviers Weißwasser die Bewohner des Heimes evakuiert. Ein Krankenwagen brachte die beiden Kinder sowie die Mutter ins Krankenhaus nach Weißwasser. Sie ist nach RUNDSCHAU-Informationen inzwischen wieder in der Unterkunft. Noch am Mittwochmorgen haben die Kriminaltechniker Spuren vor Ort gesichert und die Ermittlungen aufgenommen.

"Wir hätten nie gedacht, dass er zu so einer schrecklichen Tat fähig ist", berichtet eine Anwohnerin in der Nähe der Asylunterkunft. Noch vor einigen Wochen habe der spätere Geiselnehmer bei ihr Mutterboden für den Garten der Gemeinschaftsunterkunft geholt, sei freundlich und hilfsbereit gewesen. "Dort hat er sich gut eingebracht, war ordnungsliebend", beschreibt die Anwohnerin ihre Eindrücke.

Seit Februar 2016 wird der ehemalige Sitz vom Bundesforst als Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber betrieben. Bis dato war alles rund um das Haus ruhig geblieben. So jedenfalls die Einschätzung von Weißkeißels Bürgermeister Andreas Lysk (parteilos).

Er hatte sich am Dienstagabend selbst ein Bild vom Einsatzgeschehen gemacht, wie er der RUNDSCHAU bestätigt. Die Aufregung sei groß gewesen. Auf Wiederholungen könne er verzichten. "Schon ein solcher Einsatz ist einer zu viel", sagt Andreas Lysk. Vergleichbare Vorfälle, wie sie am Dienstagabend in Weißkeißel passiert sind, gibt es im Landkreis Görlitz bisher nicht, teilt die Pressestelle des Landkreises auf Nachfrage mit. Das liege einerseits an einer besonders sorgfältigen Zuweisung von Personen in die einzelnen Unterkünfte und andererseits an einer qualitativ sehr guten Betreuung durch die beauftragten Kräfte, begründet die Kreisverwaltung.

Gerade Weißkeißel sei eine ansonsten sehr unauffällige Gemeinschaftsunterkunft, heißt es auch in Görlitz. Im Moment halten sich im Landkreis 1261 Asylbewerber auf, davon sind 716 Personen in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Anfang Juni waren es nach Kreisangaben noch 1370 Asylsuchende gewesen.

Anfang 2016 gab es mehrere Demonstrationen gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in der 1200-Seelen-Gemeinde Weißkeißel. Ein Antrag auf ein Bürgerbegehren gegen die Unterkunft wurde vom Gemeinderat abgelehnt.

Am Dienstagabend sind Notärzte, Polizisten und Feuerwehrleute nach Weißkeißel geeilt.
Am Dienstagabend sind Notärzte, Polizisten und Feuerwehrleute nach Weißkeißel geeilt. FOTO: Danilo Dittrich/ddh1