Er war einer der meistgesuchten Verbrecher Deutschlands. Sechsmal gelang dem mehrfach verurteilten Sexualstraftäter Frank Schmökel die Flucht - zuletzt mit tödlichen Folgen. Bei einem Freigang im Oktober 2000 verletzte er einen Pfleger lebensgefährlich und erschlug ein paar Tage später einen Rentner. Vor zehn Jahren - am 28. Oktober 2002 - musste sich Schmökel dafür vor Gericht verantworten. Ein Prozess mit weitreichenden Folgen - auch für den Umgang mit psychisch kranken Sexualstraftätern.

Verbüßt Haftstrafe nicht

"Die Flucht wurde durch ein falsches Lockerungskonzept im Maßregelvollzug begünstigt", sagte Richterin Jutta Hecht vom Landgericht Frankfurt (Oder) im Dezember 2002 bei der Verurteilung Schmökels zu lebenslanger Haft mit Sicherungsverwahrung. Diese Gefängnisstrafe verbüßt der heute 50-jährige Gewalttäter bislang nicht - weil er zunächst wegen einer anderen Straftat im Maßregelvollzug in Brandenburg/Havel sitzt.

Das Landgericht Neubrandenburg hatte den psychisch kranken Schmökel 1995 wegen verminderter Schuldfähigkeit nicht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, sondern eine Maßnahme zur Besserung und Sicherung angeordnet. Weil ihn Gutachter regelmäßig als Gefahr für andere einstufen, ist er bis heute im Sicherheitstrakt der Klinik für psychisch kranke Straftäter. Weitere Angaben lehnt das Gesundheitsministerium mit Verweis auf Persönlichkeitsrechte ab. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass Schmökel je wieder in Freiheit kommt. Der Straftäter gilt als nicht therapierbar. Sollte er dennoch aus der Klinik entlassen werden, wartet die Haftstrafe nebst Sicherungsverwahrung auf ihn. "Er hat die Chance, die er seinerzeit hatte, für alle Zeit vertan", meint sein früherer Anwalt Karsten Beckmann.

Der Fall Schmökel zeigt wie kaum ein anderer, wie Justiz und Medizin im Umgang mit psychisch kranken Gewaltverbrechern an ihre Grenzen stoßen. Insbesondere für Brandenburgs damaligen Gesundheitsminister Alwin Ziel (SPD) wurde die sechste Flucht des gebürtigen Strausbergers im Oktober 2000 zum Desaster.

Obwohl dem 1,92 Meter großen, kräftigen Mann bereits mehrfach die Flucht gelungen war, erhielt er damals die Genehmigung für einen Besuch bei seiner Mutter in Strausberg. "Das war zu wenig vorbereitet", meint Beckmann. Die Folgen waren dramatisch: Schmökel stach auf seine Mutter und zwei Pfleger ein. Später erschlug er einen arglosen Rentner, um mit dessen Auto seine Flucht fortsetzen zu können. Nach 13 Tagen wurde Schmökel im sächsischen Bautzen in einer Gartenlaube entdeckt und nach einem Bauchschuss überwältigt.

Unter Leitung des früheren Innenministers von Nordrhein-Westfalen, Herbert Schnoor (SPD), hat eine unabhängige Expertenkommission den Fall aufgearbeitet. Deren Urteil über Brandenburgs Maßregelvollzug fiel 2001 vernichtend aus: katastrophale Unterbringung der Patienten, leichtfertige Lockerungen für gefährlicher Straftäter.

Mit Maßregelvollzug überfordert

Auch in anderen Ost-Ländern waren die einstigen DDR-Psychiatrien mit den Anforderungen des Maßregelvollzugs überfordert: Die Zahl der Ausbrüche nahm Anfang der 1990er-Jahre beängstigende Ausmaße an. In Brandenburg sahen die Experten aber Besonderheiten. "Das Schlimmste war, dass es keine Teamarbeit gab", so Kommissionsmitglied Hans-Ludwig Kröber. Der Leiter des forensischen Instituts der renommierten Charité in Berlin berichtet von einer tiefen Spaltung zwischen Akademikern und Pflegepersonal - vor allem in Neuruppin, wo Schmökel einsaß. "Der für ihn zuständige Diplompsychologe verachtete die Einschätzung des Personals, wusste alles besser", so Kröber. Dies sei von gefährlichen Patienten ausgenutzt worden.

Gesundheitsminister Ziel nahm das Schmökel-Desaster zum Anlass für zahlreiche Veränderungen: Lockerungen für Straftäter kamen generell auf den Prüfstand. Per Gesetz wurde unter anderem geregelt, wann die Staatsanwaltschaft einzuschalten ist, und der Aufsichtsbehörde wurden mehr Befugnisse eingeräumt. Zudem wurde der jährliche Kostensatz deutlich erhöht, um Therapie und Pflegepersonal verbessern zu können.

Forensische Ambulanz umgebaut

Bis 2004 wurde laut Gesundheitsministerium viel neu gebaut und saniert. Fast 50 Millionen Euro hat das Land dafür investiert. In den vergangenen drei Jahren wurden laut einer Sprecherin zudem knapp 240 000 Euro für die Verbesserung der Sicherungsanlage in Brandenburg/Havel ausgegeben. Zudem wurde die forensische Ambulanz für etwa 70 000 Euro umgebaut. Derzeit befinden sich in den drei Einrichtungen des Landes rund 310 Patienten.

Trotz der Bemühungen des Landes kommt es immer wieder zu Zwischenfällen: So gelang am vergangenen Sonntag einem Straftäter aus dem Maßregelvollzug in Teupitz (Dahme-Spreewald) die Flucht. Der 23-Jährige war wegen Raubes und gefährlicher Körperverletzung zu fünf Jahren Jugendhaft verurteilt worden. Er ist noch immer auf der Flucht.