Von Benjamin Lassiwe

Es war ein kirchenpolitischer Paukenschlag: Der Landesbischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens, Carsten Rentzing, musste wegen seiner Verbindungen in die rechte Szene zurücktreten. Die Kirchenleitung der sächsischen Landeskirche nahm Rentzings Rücktritt am Montagabend „nach langer und intensiver Beratung“ und mit Wirkung zum Reformationstag an.

Am vergangenen Wochenende war bekannt geworden, dass der Theologe vor rund 30 Jahren als Student, Aufsätze in der rechtsnationalen Zeitschrift „Fragmente“ publiziert hatte, die die Kirchenleitung seiner Landeskirche als „verstörend“ und „elitär, in Teilen nationalistisch und demokratiefeindlich“ eingestuft hatte.

Schlagende Verbindung und Vortrag bei Neurechten

Zudem hatte der Theologe 2013 einen Vortrag in der neurechten Berliner „Bibliothek des Konservatismus“ gehalten und gehörte einer schlagenden Verbindung an. In einer Erklärung hatte sich Rentzing zuletzt am Montag „von allem“ distanziert, „was in meinem früheren Leben dem Geist des Evangeliums vom Frieden, der Versöhnung und der Liebe Gottes zu allen Menschen widersprach.“

Dies habe er auch schon vor „25 Jahren gegenüber meinem Beichtvater“ getan. Die Texte in „Fragmente“ erwähnte Rentzing freilich nicht explizit – und ließ damit erneut Zweifel an seiner politischen Haltung offen.

Ohnehin wirft der Vorgang in Sachsen Fragen auf, die für die gesamte Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) von großer Bedeutung sind. Denn Anfang November trifft sich das Kirchenparlament der EKD, die EKD-Synode, zu einer mehrtägigen Beratung in Dresden. Dass die Frage nach einer Abgrenzung der Kirche vom Rechtsextremismus dabei neu diskutiert werden muss, scheint im Lichte des Falls Rentzing klar.

Wertkonservativ oder rechtsextrem?

Die sächsische Landeskirche jedenfalls wolle sich schon auf einer Sondersynode am 2. November mit der Frage beschäftigen, was schon rechtsextrem und was noch „ein wertkonservativer Christ“ sei, kündigte Synodenpräsident Otto Guse am Montagabend an.

Dass es dabei Defizite gab, konnte man indes schon mit einem Blick aus dem Fenster erkennen: Denn rund 150 Menschen hatten sich vor dem Landeskirchenamt zu einer Mahnwache für den Verbleib Rentzings im Amt versammelt. Angemeldet wurde die Demonstration vom Dresdner Rechtsanwalt Christoph von Mohl, der 2015 den Arbeitskreis „Christinnen und Christen in der AfD“ gegründet hatte, die Partei aber einige Monate später verließ.

Das zeigt schlaglichtartig, wie fließend die Grenzen zwischen konservativem Rand des Protestantismus und der neuen Rechten sind. In der Dresdner AfD-Landtagsfraktion findet sich etwa Tobias Keller, der erst nach Druck aus der Landeskirche sein Amt als Ältester einer Leipziger Kirchengemeinde niederlegte.

Brandenburger Grundordnung gegen Menschenfeindliches

Dagegen hat die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz schon vor längerer Zeit in ihre Grundordnung geschrieben, dass Menschen, die in einer Gruppe, Organisation oder Partei Mitglied sind, die „menschenfeindliche Ziele“ verfolgt, kein Amt im Ältestenrat einer Kirchengemeinde übernehmen dürfen.

Im Frühjahr veröffentlichte die Landessynode dazu eine Handreichung, aus der hervorgeht, dass die Mitgliedschaft in der NPD, im „Dritten Weg“ oder der Identitären Bewegung mit kirchlichen Ehrenämtern nicht vereinbar ist. Im Falle der AfD müsse dagegen im Einzelfall geprüft werden, wie sich der Betreffende konkret verhalten habe. Von Bedeutung wird das schon in wenigen Tagen sein, wenn in der ganzen Landeskirche die Gemeindekirchenräte neu gewählt werden.

Gründlichere Auseinandersetzung nötig

Der Berliner Theologe Christian Staffa, der vor Kurzem vom Rat der EKD zum ersten Antisemitismus-Beauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland berufen worden war, sprach sich dagegen für eine gründlichere theologische Auseinandersetzung mit den Thesen der rechten Szene aus. „Die Kirchenkritik der AfD ist eher polemisch und billig“, sagte Staffa, der im Sommer eine Erwiderung auf ein Papier der thüringischen AfD-Landtagsfraktion verfasst hatte.

Die Partei hatte der Kirche unter anderem ihr Engagement in Genderfragen, die Unterstützung von Flüchtlingen und die Trauung homosexueller Paare vorgeworfen. „Wir müssen mit theologischem Tiefgang mit denen reden, die solche Positionen vertreten“, sagt Staffa nun. Ernsthafte Konservative könne man so vielleicht von der Position der Kirche überzeugen.