"Ich klebe nicht an
meinem
Sessel."
 Geert Mackenroth (CDU)


Zugespitzt hatte sich die Misere gestern durch eine neuerliche Panne der sächsischen Justiz: Einem Torgauer Häftling gelang es am Montagabend während eines Zahnklinik-Besuches in Leipzig, trotz Handschellen, seinen beiden Bewachern nach einem Toilettengang zu entkommen. Die Polizei löste eine bundesweite Fahndung nach dem Mann aus, der wegen Diebstahls und Fahrens ohne Führerschein einsaß. In Erklärungsnot ist Mackenroth aber nicht nur wegen der Pannenserie der Sicherheitsbehörden geraten, sondern auch wegen seines Krisenmanagements im Fall Mario M. Während der Peiniger der Gymnasiastin Stephanie vorigen Mittwoch 20 Stunden lang auf dem Dach des Zellentrakts spazieren konnte, war Mackenroth lange auf Tauchstation. Obwohl der Störfall um den prominenten Häftling seit dem Morgen bekannt war, hielt er sich bis zum Mittag auf einem "Demografie-Gipfel" von Ministerpräsident Georg Milbrad t (CDU) im Dresdner Kongresszentrum auf. Selbst Parteifreunde, die dabei waren, quittierten die Gelassenheit mit Kopfschütteln.
Auch Presseanfragen wurden lange abgewimmelt. Als Mackenroth endlich das nahe Gefängnis besuchte und rasch ein paar Statements in die Schar von Kameras sagte, stand Mario M. schon acht Stunden auf dem Dach. Entnervt nahm irgendwann die Staatskanzlei das Heft des Handelns in die Hand und vermittelte Interview-Wünsche der Landespresse. Man sei in Milbradts Machtzentrale "not amused" über Mackenroths unsensibles Handeln, hieß es.
Zwar räumte der Angeschlagene die peinliche Justizpanne ein und sprach Stephanies Familie sein Bedauern aus. Er verwies aber auf einer Pressekonferenz am nächsten Tag auf Fehler der Erbauer des Gefängnisses und den Mangel an Haftauflagen durch den Vorsitzenden Richter im Stephanie-Prozess. Alles andere sei in einer gründlichen Untersuchung zu klären. Doch abspeisen lassen will sich selbst der Dresdner Koalitionspartner SPD nicht.
Deren Fraktionschef Cornelius Weiss kritisiert gestern unverhohlen, die Flucht aufs Dach sei "kein Ruhmesblatt" für Sachsen: "Manchmal denkt man, wir sind in einer Bananenrepublik." Der Minister bringe hoffentlich Klarheit, "wie er damit umzugehen gedenkt", so Weiss. Ähnlich sieht das die Opposition: "Der Minister muss Klartext reden, dann werden wir sehen, ob personelle Konsequenzen zu ziehen sind", sagt FDP-Politiker Torsten Herbst. Diese Panne sei nicht nur bundesweit verheerend, sondern habe Sachsen selbst im Ausland "bis auf die Knochen blamiert". Die politische Verantwortung liege beim Minister, betont Linkspartei-Mann André Hahn. "Er hat sehr unglücklich agiert." Dabei ist der "Dach-Gang" nur der vorläufige Höhepunkt in einer Reihe von Justizpannen um Stephanie und Mario M. Schon in seiner früheren Ha ftzeit im ostsächsischen Bautzen hatte der Häftling eine Fassade erklommen. Eine Gutachterin bescheinigte dem verurteilten Vergewaltiger später, das Missbrauchstaten nicht mehr zu erwarten seien und ließ den Mann vorfristig frei. Später verprügelte er einen Rentner und verstieß gegen die Bewährungsauflagen - doch die Strafvollstreckungskammer erfuhr nichts davon. Auch bei der Fahndung nach Stephanie lief einiges schief, wenn auch im Verantwortungsbereich des Innenministers. Am Wochenende sorgte Mario M. dann mit einer simulierten Atemnot erneut für Aufsehen. Mittlerweile steht er unter strengsten Sicherheitsauflagen. Stephanies Vater, der die heutige Landtagssitzung verfolgen will, platzte indes der Kragen. Er forderte den Minister auf, sein Amt niederzulegen.
Der 56-jähige Jurist aus Kiel steht nicht das erste Mal unter Beschuss. Mit dem Ermitteln von Verbindungsdaten von Journalisten-Telefonen im Frühjahr 2005 machte er bundesweit Schlagzeilen. Seine Äußerungen zu gerechtfertigter Folter bei Polizeiverhören im Entführungsfall Jakob von Metzler hatte der damalige Vorsitzende des Deutschen Richterbundes später relativiert.