Sie verschwanden in der Nacht, aber den Schutz der Dunkelheit hätten die letzten britischen Soldaten in Basra wohl nicht gebraucht. Schiitenführer Muktada al-Sadr soll seine Mahdi-Armee zum Stillhalten verdonnert haben. So konnten die 500 Mann des Regiments "The Rifles" den Basra-Palast, der einst Saddam Hussein gehörte, ausnahmsweise ohne Furcht vor Angriffen verlassen. Dass London seit Wochen über Mittelsmänner mit den Milizen über einen gefahrlosen Abzug für seine Soldaten verhandelt, gilt als offenes Geheimnis.
Genaugenommen kam der Rückzug aus der zweitgrößten Stadt des Iraks nicht überraschend. Dennoch konnte Premierminister Gordon Brown die Symbolkraft nicht abschwächen. Die Briten haben ihren letzten Stützpunkt in einer irakischen Stadt verlassen. Und auf ihrer letzten noch verbliebenen Irak-Basis am Flugplatz bei Basra Heimatkurs eingeschlagen.

Negative Lageeinschätzung
"Der Anfang vom Ende", titelte die Boulevardzeitung "Daily Mirror". Und der liberale "Independent" fragte auf der Titelseite "Vier Jahre in Basra - und was haben wir erreicht?" Ganz sicher nicht, was sich US-Präsident George W. Bush und Browns Vorgänger Tony Blair vorgestellt hatten. "Der britische Misserfolg ist nach vier Jahre währenden Bemühungen nahezu total", schrieb der "Independent" und verwies auf eine Lageeinschätzung der Konfliktforschungsgruppe International Crisis Group.
Als Tony Blair im Februar ankündigte, Großbritannien werde einen Teil seiner Truppen aus Basra abziehen, sah die Sicherheitslage dort noch anders aus. Selbst US-Außenministerin Condoleezza Rice räumte damals ein, Basra sei unter britischer Kontrolle keineswegs so gefährlich wie Bagdad unter amerikanischer.
Doch die Aufständischen im Süden des Iraks, die nach britischer Darstellung massiv vom Iran unterstützt werden, haben das Blatt scheinbar gewendet. Allein seit Mai wurden in Basra 22 britische Soldaten getötet.
Die Zahl der Briten, die seit dem Beginn der Irak-Invasion 2003 ihr Leben verloren, stieg auf 168. Basra werde heute, so die International Crisis Group, "von Milizen kontrolliert, die anscheinend mächtiger agieren als früher".
Mit Sorge dürfte in Washington der nächtliche Rückzug der Briten beobachtet worden sein. Erst kurz vor der Truppenverlegung hatte sich die anhaltende Medienpolemik mit Vorhaltungen ehemaliger Verantwortlicher beider Seiten im Irak-Krieg zugespitzt.

168 britische Opfer
"Intellektuell bankrott" sei die US-Strategie, schimpfte der Oberkommandierende der britischen Armee während des Irak-Krieges, General Sir Mike Jackson. Von britischen Oppositionspolitikern bekam er lautstark Beifall für diese Antwort auf US-Vorhaltungen, die Briten würden sich feige davonstehlen.
Die Absetzbewegung des Hauptverbündeten der USA im Irak-Krieg wird vermutlich eine Rolle spielen, wenn der US-Oberkommandierende im Irak, General David Petraeus, am 15. September einen mit Spannung erwarteten Lagebericht an Präsident Bush erstattet und zudem vor dem Kongress Rede und Antwort steht.
Für die Briten hat der Heimatkurs ihrer Truppen auch große innenpolitische Bedeutung. Gordon Brown wünscht nichts mehr als eine demokratische Legitimierung seiner Amtsführung. In London wird damit gerechnet, dass er dafür Neuwahlen möglicherweise für Oktober ansetzt. Noch scheint sein Umfragen vorsprung vor den Konservativen keinen Sieg zu garantieren. Doch wenn er sich beim Thema Irak gegen Washington stellt, könnte Brown nach Ansicht von Beobachtern - ähnlich wie 2002 Gerhard Schröder bei der Bundestagswahl - wichtige Punkte machen.

Hintergrund Bush im Irak
US-Präsident George W. Bush ist gestern zu einem überraschenden Besuch im Irak eingetroffen. Die Nachrichtenagentur Aswat al- Irak berichtete, Bush werde von Außenministerin Condoleezza Rice, Verteidigungsminister Robert Gates und dem Nationalen Sicherheitsberater Stephen Hadley begleitet.