Im Laufe von zwei Jahrzehnten in der DDR-Volksmarine regten sich bei dem damaligen Kapitän aber zunehmend Zweifel an dem System, dessen Verteidigung für ihn mehr als ein Beruf war. "Wir handelten in der Überzeugung, dem Frieden zu dienen. Wenn sich dann trotzdem Kollegen über die Ostsee absetzten - dann muss die Enttäuschung über unsere Gesellschaft doch ziemlich groß gewesen sein", sagt Pfeiffer im Rückblick.Versuche, sich in den Westen "abzusetzen", wurden zwischen Bau und Fall der Berliner Mauer nicht nur Hunderten Republik-Flüchtlingen zum teils tödlichen Verhängnis. In seiner historisch-autobiografischen Dokumentation "Fahnenflucht zur See" zeigt der Rostocker Ex-Marine-Leutnant Pfeiffer, dass der Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung auch vor der Armee des Arbeiter- und Bauernstaates nicht haltmachte.Dabei ist die akribische Rekonstruktion zahlreicher von der Stasi vereitelter Fluchtpläne kein pauschaler Widerruf der früheren Ideale eines Karriereoffiziers, der nur äußerlich linientreu war. "Das Buch war eine Gratwanderung", erzählt der 60-jährige Pfeiffer. "Es soll dazu beitragen, dass sich Leute melden, die Ähnliches erlebt haben."Erstmals wird in dem schmalen Band deutlich, wie systematisch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) auch in den Seestreitkräften der DDR spitzeln ließ. In der Berliner Birthler-Behörde recherchierte der Autor in Unterlagen, die nur knapp vor dem Reißwolf gerettet werden konnten. Das Ergebnis ist ein auch mit privaten Erinnerungen gefärbter Rückblick auf ein düsteres Kapitel in 40 Jahren DDR-Militärgeschichte. "Nach und nach wurde mir klar, was für ein menschenverachtendes Machwerk das MfS da veranstaltete", resümiert Pfeiffer.Wie stark er selbst ins Visier der "Firma Horch und Guck" geraten war, offenbarte sich schrittweise. Nach sechs Jahren beharrlichen Nachforschens im Stasi-Unterlagenarchiv erfuhr Pfeiffer, dass seine Crew auf dem U-Jagdschiff "421 Sperber" die Hauptrolle in einem groß angelegten Spionageakt (Codename "Vorposten") des Ministeriums von Stasichef Erich Mielke spielte. Im August 1973 wurde auf dem Schiff des gerade frisch gebackenen Ingenieur-Leutnants in letzter Minute eine Gruppenflucht verhindert. Drei Besatzungsmitglieder wollten die "Sperber" notfalls mit Gewalt gegen Vorgesetzte in westdeutsche Gewässer entführen. Ein Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi ließ die mehrmonatigen Fluchtpläne hochgehen, als Pfeiffer gerade im Heimaturlaub war.Später erst erkannte der Autor, dass das MfS ihm paradoxerweise wohl sogar das Leben rettete: "Wenn die drei in den Besitz einer Waffe gelangt wären, hätte ich vielleicht dran glauben müssen." Wenige Flüchtlinge hatten Glück, wie das skurrile Entkommen eines Grenzschutz-Bootes nach Travemünde (1964) oder zweier Matrosen per Fähre nach Schweden (1988) zeigen. In den meisten Fällen inszenierten etwa 1300 in der Volksmarine eingesetzte IM ein perfides Verwirrspiel um Loyalität und Verrat, das für die Verschwörer oft mit dem eisernen Zugriff des MfS und langjährigen Haftstrafen endete.Knapp 20 Jahre nach der "geräuschlosen Auflösung der Volksmarine" geht der einstige Fregattenkapitän und heutige Projektmanager Pfeiffer davon aus, dass die Dunkelziffer der nicht aufgeklärten Fluchten zur See hoch ist. Sein Gewissen lasse ihm keine andere Wahl, als weitere Schicksale aufzuarbeiten. "Inzwischen weiß ich von vier neuen Fällen mit Toten." Was bleibt, sei aber auch die Erkenntnis, dass es nicht nur Gut und Böse, sondern viele Zwischentöne gab. "Seit Gorbatschow sahen wir die Chance, diesen Staat zu reformieren. Wenn man abhaut, ändert man gar nichts", sagt Pfeiffer. Ingo Pfeiffer: Fahnenflucht zur See - Die Volksmarine im Visier des MfS, Kai Homilius Verlag, Werder/Havel, 200 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-89706-913-8