BKA-Präsident Jörg Ziercke sagte der Deutschen Welle, auch im Ausland werde die Suche nach dem flüchtigen Libanesen verstärkt. Nach Erkenntnissen seiner Behörde hat sich der 20-Jährige mit hoher Wahrscheinlichkeit in Richtung Libanon abgesetzt. Laut NDR weist die Spur des Verdächtigen in die Hauptstadt Beirut. "Solange wir den zweiten Täter noch nicht haben, dauert die Gefahr an", sagte Ziercke dem Fernsehsender n-tv. "Aber ich sage auch ganz klar: Panik ist nicht angebracht."
Zusammen mit einem 21-jährigen Libanesen, der am Samstag in Kiel festgenommen worden war und in Untersuchungshaft sitzt, soll der 20-Jährige am 31. Juli einen Kofferbomben-Anschlag auf zwei Regionalzüge versucht haben.
Das Bundeskabinett erzielte Einigkeit darüber, dass die Terror-Prävention - etwa durch eine weitergehende Kontrolle des Internets - verstärkt werden muss. Falls die Finanzierung nicht allein durch Umschichtungen erreicht werden kann, werde auch zusätzliches Geld für die anfallenden Personal- und Sachkosten bereitgestellt, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg. Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft GdP, Konrad Freiberg, sagte in einem Interview, derzeit gebe es bei der Polizei nur "Einzelpersonen" mit den notwendigen Computer- und vor allem Sprachkenntnissen.
Nach Angaben von Ziercke sind die beiden mutmaßlichen Bahn-Attentäter unmittelbar nach der Tat aus Deutschland Richtung Libanon ausgereist. "Von dem einen Festgenommenen wissen wir es ganz genau, denn dieser ist ja dann aus dem Libanon zurückgekehrt. Inwieweit der jetzt identifizierte zweite Verdächtigte auch zurückgekehrt ist, muss ich offen lassen." Nach Informationen der "Bild"-Zeitung war der Flüchtige auf Einladung eines Essener Autohändlers, der Mitglied des städtischen Integrationsbeirates ist, nach Deutschland gekommen. Der Geschäftsmann war am Dienstag festgenommen worden, kam gestern aber wieder frei. Auch ein zweiter Mann, der nach Durchsuchungen in Essen und Oberhausen verhört worden war, ist wieder auf freiem Fuß. Die Männer waren "Kontaktpersonen", weitere Einzelheiten gab die Bundesanwaltschaft nicht bekannt.
Der Essener Autohändler, der wie die beiden mutmaßlichen "Bahn-Bomber" aus dem Libanon stammt, sagte der "Bild"-Zeitung: "Ich kenne einen Verwandten des mutmaßlichen Attentäters. Dieser bat mich vor zwei Jahren darum, eine schriftliche Einladung abzugeben, damit der junge Mann aus dem Libanon nach Deutschland kommen kann, um hier zu studieren." Dies sei für eine Einreise-Erlaubnis nötig gewesen.
Unterdessen setzten die Ermittler die Durchsuchung des Hauses im Kölner Stadtteil Ehrenfeld fort, in dem der 20-Jährige gewohnt haben soll. Wie am Vortag hielt sich das BKA mit Stellungnahmen zurück.
Nach Angaben der Kölner Universität war der Verdächtige dort nicht eingeschrieben und hatte keinen Deutschkurs belegt. Laut WDR wollte er im Januar aber über das Studentenwerk einen günstigen Wohnheim-Platz bekommen. Der Geschäftsführer des Studentenwerks, Peter Schink, bestätigte, dass sich der Name des Verdächtigen auf einer Liste mit Bewerbern befunden habe.
Unterdessen hat Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) die Muslime in Deutschland zur Mitarbeit im Anti-Terror-Kampf aufgerufen. "Die große Mehrheit der Muslime muss lauter sagen, was sie denkt - dass sie den Terror ablehnt", sagte Schäuble.
Der Zentralrat der Muslime in Deutschland bot eine noch stärkere Zusammenarbeit an und warnte gleichzeitig vor einer Spaltung der Gesellschaft. Der Zentralrat bekomme vermehrt Droh- und Schmähbriefe per Post und E-Mail, sagte Generalsekretär Aiman A. Mazyek. (dpa/uf)