Aber damit ist es jetzt wohl vorbei. Denn auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes war nicht untätig. Gestern legte das Gremium ein Gegengutachten mit weitaus geringeren finanziellen Folgen vor. Demnach könnten nur etwa 26 Millionen Euro an direkten Kosten hochgerechnet werden, erklärte der Vorsitzende der wissenschaftlichen Kommission der Antidiskriminierungsstelle, Heinrich Wilms. Das sind gerade einmal 1,5 Prozent der ursprünglich behaupteten Summe. Einschränkend fügte Wilms jedoch hinzu, dass es sich auch hier um Schätzzahlen handelt. Allein auf 15 Millionen Euro veranschlagte der Wissenschaftler dabei die Schulungskosten für die Personalchefs in den Betrieben.
Nach dem AGG, das auf verschiedenen europäischen Richtlinien beruht, sind Arbeitgeber verpflichtet, Benachteiligungen etwa bei der Suche nach geeigneten Mitarbeitern zu verhindern. Fühlt sich ein Interessent dennoch ungerecht behandelt, muss er das Manko glaubhaft machen. Wird der Klage stattgegeben, muss der Betrieb nachweisen, dass keine Diskriminierung vorliegt. Bei Verstößen drohen Geldbußen.
Nach Überzeugung der Antidiskriminierungsstelle hat sich die Studie der arbeitgebernahen Initiative zweifelhafter Methoden bedient. So seien bei der Erhebung nur etwa 0,5 Prozent aller Beschäftigten erfasst worden. Damit lasse sie nur Aussagen für Großunternehmen zu. Außerdem fehle ein Vergleich der Unternehmenskosten vor und nach Inkrafttreten des Gesetzes.
In der Wirtschaft stieß der Befund der Antidiskriminierungsstelle naturgemäß auf wenig Gegenliebe. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt erklärte, die Gegenstudie verkenne die durch das Gesetz verursachten Kosten. So habe die Zahl der Klagen wegen vermeintlicher Diskriminierung deutlich zugenommen. Allein in Baden-Württemberg seien nach Inkrafttreten des Gesetzes mehr als 100 Verfahren anhängig. "Inzwischen gewährt der Europäische Gerichtshof selbst dann Schadenersatzansprüche, wenn sich jemand diskriminiert fühlt, obwohl er sich nicht beworben hat", kritisierte Hundt. Insgesamt bestehe ein hohes Missbrauchspotenzial durch "AGG-Hopper" und "Schadenersatz-Provokateure".
Der Autor der Studie für die "Initiative neue soziale Marktwirtschaft", Andreas Hoffjan, wies die Vorwürfe unter anderem mit dem Hinweis zurück, dass in seiner Untersuchung 36 Unternehmen mit bis zu 50 Mitarbeitern und 188 Firmen mit einer jeweiligen Beschäftigtenzahl zwischen 50 und 249 vertreten gewesen seien. Damit seien die Aussagen auch durch kleinere Unternehmen statistisch gestützt.
Die Antidiskriminierungsstelle, die erst seit rund einem halben Jahr aktiv ist, will nun selbst eine verlässliche Studie zu den tatsächlichen Folgekosten des Gesetzes erstellen.