"Falls eine Evakuierung notwendig wird, begeben Sie sich an den Ort, der mit ihrer Organisation abgesprochen ist oder direkt zur Botschaft", heißt es in einem Merkblatt für Neuankömmlinge. Geraten wird, für den Fall einer überstürzten Ausreise Notverpflegung für drei Tage sowie Taschenlampen und Kofferradios in einem Tagesrucksack bereitzuhalten.
Es sieht derzeit nicht besonders gut aus in Afghanistan, der Ursprungsfront im Anti-Terrorkampf, wo sich Außenminister Frank-Walter Steinmeier derzeit persönlich ein Bild macht. Damit setzen sich der SPD-Ressortchef und seine Begleitung über eine Besuchersperre hinweg, die sein CDU-Verteidigungskollege Franz-Josef Jung aus Sicherheitsgründen kürzlich für das Bundeswehr-Kontingent am Hindukusch verhängt hat.

Fast täglich blutige Kämpfe
Die vor knapp fünf Jahren vertriebenen radikal-islamischen Taliban erleben dort derzeit ihre Wiederauferstehung, vor allem in den traditionellen Hochburgen im Süden und Osten, wo es fast täglich zu blutigen Zusammenstößen mit den internationalen Truppen kommt. In Südafghanistan tobten noch wenige Stunden vor Steinmeiers Ankunft in Kabul die heftigsten Gefechte, seit die Internationale Schutztruppe Isaf dort vor drei Wochen das Kommando übernahm. Steinmeier sicherte Präsident Hamid Karsai gestern weitere Hilfe zu, unter anderem bei der Ausbildung von Polizisten.
Zunehmend gerät aber auch die Hauptstadt Kabul ins Visier. Selbstmordattentate nach dem aus dem Irak bekannten Muster häufen sich in der Hauptstadt. Mehrere Verletzte gab es vergangene Woche, als ein an einem Fahrrad befestigter Sprengsatz bei der Vorbeifahrt eines Nato-Militärkonvois explodierte. Kurz danach wurde ein Anschlag mit gleich 50 Sprengsätzen im letzten Moment verhindert. Die beiden festgenommenen Attentäter hatten die Bomben in Honigfässern versteckt. Sie konnten laut afghanischen Presseberichten aus 150 Metern Distanz ferngezündet werden.

Taliban wieder als Beschützer
Von "immer anspruchsvolleren Operationen" der Terroristen sprechen auch deutsche Sicherheitsexperten. Nach Angaben der britischen Organisation Senlis Council ist ein "Niveau der Gewalt" wie im Irak auch in Afghanistan durchaus vorstellbar. Es gebe einen "Technologietransfer" auf beiden Seiten. Die Taliban und ihre Verbündeten, die noch vor vier Jahren als Unterdrücker angesehen wurden, würden von immer mehr Afghanen wieder als Beschützer betrachtet. Laut einer Studie der sicherheitspolitischen "Denkfabrik" unterstützen in der afghanischen Südregion Helmand 80 Prozent der Bevölkerung die Taliban. "Die Provinz ist eine Frühwarnsystem dafür, was in ganz Afghanistan passieren kann, wenn es in den nächsten Monaten keine neue Strategie gibt", lauten die Warnungen.
Erklärtes Ziel der Anschlagswelle ist nach Ansicht der deutschen Afghanistan-Expertin Citha Maass, die ohnehin schwache Kabuler Regierung zu destabilisieren. In der Bevölkerung wachse die Frustration darüber, dass der Präsident tatenlos zusehe, wie frühere Kommandeure und einstige Kriegsverbrecher in hohe Regierungsposten gehievt würden. Zur schwindenden Glaubwürdigkeit der Zentralregierung trägt nach Ansicht von Fachleuten auch bei, dass sich das Leben für die weitaus meisten Afghanen seit 2001 keineswegs verbessert hat und der Wiederaufbau stockt.
"Wir wollten die Herzen und Köpfe gewinnen. Zurzeit verlieren wir die Herzen", lautet nach einem halben Jahr im Land das Fazit von Tom Koenigs. Für den deutschen UN-Sonderbeauftragten ist längst nicht ausgemacht, "ob wir letztlich hier erfolgreich sein werden". Die Aufständischen bekämen immer mehr Zulauf, "weil sie moralische Werte vertreten, die von großen Teilen der Bevölkerung geteilt werden".
Für die Organisation "Human Rights Watch" steht das Land am Hindukusch "am Rande des Abgrunds". In vielen Bereichen entwickle sich das Land zurück. "Karsai steht unter dem Druck der konservativen Kräfte", meint die Menschenrechtsgruppe. Verwiesen wird etwa auf die Ankündigung, eine neue "Tugendbehörde" zu schaffen, die zu Taliban-Zeiten die Bevölkerung schikanierte.
Nach Überzeugung des deutschen Afghanistan-Experten Conrad Schetter gibt es aber auch noch weitere Gründe dafür, dass das Land "auf der Kippe steht". Dazu habe auch das Auftreten von Mitarbeitern der internationalen Gemeinschaft mit über 1000 im Land aktiven Nichtregierungsorganisationen (NGO) beigetragen. "Dazu gehört, dass die NGO in weißen Landrovern durch die Gegend fahren und in den schönsten Vierteln von Kabul wohnen. Dazu gehört auch, dass man in Kabul an jeder Ecke Restaurants findet, in denen Alkohol in Strömen fließt", berichtet der Wissenschaftler vom Bonner Zentrum für Entwicklungsforschung. Verlogen sei es für den normalen Afghanen, dass westliche Experten einerseits den Mohnanbau im Lande bekämpften, sich selbst aber dem Alkohol hingäben. Für gläubige Muslime seien auch die Bordelle im Lande unerträglich .

Schnell über alle Berge
"Die Afghanen wissen, sobald etwas passiert, ziehen die NGO ihre Leute ab und sind schnell über alle Berge verschwunden", ist Schetter überzeugt. Was die internationalen Organisationen angerichtet hätten, müssten dann die Afghanen ausbaden. "Da braut sich etwas zusammen", warnt er.