Wie der Biologe Jörg Feddern von der Umweltschutzorganisation Greenpeace am Montag in einem Gespräch mit dem Informationsradio des Hessischen Rundfunks in Frankfurt/Main sagte, geht aus Satellitenbildern hervor, dass der Ölteppich mittlerweile 130 Kilometer lang und bis zu 30 Kilometer breit sei. Die Regierung Zyperns verlangt angesichts der Lage die Einberufung einer Sondersitzung der EU-Umweltminister.

„Satellitenbilder belegen, dass der Ölteppich fast ausschließlich nach Norden getrieben wird“, sagte der Meeresökologe Stephan Lutter von der Umweltstiftung WWF Deutschland der dpa in Frankfurt/Main. Grund seien die Windverhältnisse, die für eine entsprechende Oberflächenströmung sorgten. „Wenn das Wetter umschlägt, kann sich das rasch ändern - aber danach sieht es derzeit nicht aus.“ Inzwischen schließt nach Lutters Angaben kaum mehr ein Experte aus, dass das Öl die südtürkische Küste erreichen wird. „Weite Küstenstreifen entlang des Mittelmeers könnten dann auf lange Sicht verseucht werden.“ Die Kampfhandlungen verhinderten, dass zumindest ein Teil des ausgelaufenen Öls abgeschöpft werden könne.

Der Ölpest hatte sich nach israelischen Luftangriffen auf die Öltanks eines küstennahen libanesischen Kraftwerks Mitte Juli entwickelt. Dabei waren 15 000 Tonnen schweren Heizöls direkt ins Mittelmeer geflossen. Der Ölteppich, der für die schwerste Umweltkatastrophe in der Geschichte des Libanon steht, hat auch die syrische Küste erreicht.

Wegen des andauernden Krieges können die Ölverschmutzungen im Meer und an den Stränden derzeit nicht fachgerecht beseitigt werden. „Das Öl beginnt deshalb, in seine hoch giftigen Komponenten zu zerfallen“, erklärte der libanesische Umweltberater Wael Hmaidan am Montag in Beirut. Zu diesen gehörten Schwefelverbindungen und Schwermetallrückstände, die die Meeresbiotope noch zusätzlich bedrohen, sagte er. Tausende von verendeten Fischen, Krabben und Schildkröten seien bereits ans Ufer geschwemmt worden.

Besonders gefährdet sieht der Biologe Feddern die Grüne Meeresschildkröte. Diese vom Aussterben bedrohte Tierart habe ihre Eier an Teilen der libanesischen Küste abgelegt. „Wenn die jungen Schildkröten in den kommenden Wochen schlüpfen, müssen sie ihren Weg ins Meer finden. Da sie aber nicht über den ölverdreckten Sand hinüber kommen, werden sie sterben“, sagte Feddern. Sein libanesischer Kollege Hmaidan bestätigte, am Wochenende bereits die ersten ölverklebten, toten Schildkröten-Babys gesehen zu haben.

Zu wirtschaftlichen Schäden meinte Feddern, im Libanon habe sich in den vergangenen Jahren ein neuer Tourismus-Sektor entwickelt, zudem sei der Fischfang für die Region sehr wichtig. Beides sei durch Krieg und Ölteppich völlig zusammen gebrochen.

Die zyprische Regierung beantragte indessen angesichts der sich weiter ausbreitenden Ölpest bei der finnischen EU-Ratspräsidentschaft eine Sondersitzung der EU-Umweltminister. Dass die Ölpest die zyprische Küste derzeit nicht unmittelbar bedrohe, ist nach Ansicht des zyprischen Landwirtschaftsministers Fotis Fotiou kein Grund, nichts zu unternehmen. „Die Folgen der Ölpest werden uns früher oder später alle erreichen. Das Mittelmeer ist ein geschlossenes Meer“, sagte Fotiou. „Es sind fast drei Wochen vergangen, und niemand unternimmt etwas“, sagte er weiter.