Ein Grund für die rasante Entwicklung ist nach Einschätzung des Berliner Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (Iges) das undurchsichtige Regulierungssystem im Arzneimittelsektor. In einer vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegebenen Studie fordern die Experten deshalb mehr Wettbewerb zwischen Kassen und Pharmaproduzenten. Der Versicherte müsste dann freilich auch mit der Tatsache leben, dass der Preis für das gleiche Medikament von Kasse zu Kasse unterschiedlich ist.
Noch ist das allerdings Zukunftsmusik. Denn auch die Eckpunkte für die anstehende Gesundheitsreform schließen entsprechende Arzneimittelvergleichslisten aus. Im Grundsatz wird den Kassen zwar eine "Intensivierung des Wettbewerbs" versprochen. Bei Medikamenten gilt jedoch weiter die Vorgabe, wonach eine Kasse Rabatte mit Pharmaherstellern aushandeln kann, aber trotzdem jedes verordnungsfähige Mittel bezahlen muss.

Druck auf Pharmabetriebe
Das Iges-Institut schlägt nun vor, dass Kassen unter Berücksichtigung des gleichen Wirkstoffs und der gleichen therapeutischen Wirkung nur noch ein paar ausgewählte erstattungsfähige Medikamente im Angebot haben sollen. Andere Arzneien mit gleichen Eigenschaften würden nicht mehr bezahlt. Dadurch sollen die Pharmabetriebe zu höheren Preisnachlässen gezwungen werden. "Wenn eine Kasse zum Beispiel alle Medikamente im Bereich der Statine (Cholersterin-Senker) auf seiner Liste hat, dann wird der Rabatt nicht so hoch sein", erläuterte der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Entwicklung im Gesundheitswesen, Eberhard Wille. "Wenn aber nur drei Medikamente auf der Liste sind, könnte es höhere Rabatte geben."

Kassen wollen Rabatte
Bei den Krankenkassen teilt man diese Auffassung. Nach Darstellung des AOK-Bundesverbandes haben die heute schon erlaubten Rabattverträge den Nachteil, dass die Kassen gegenüber den Pillenherstellern in einer schlechten Verhandlungsposition sind. "Wenn sie regelmäßig im gleichen Supermarkt einkaufen und plötzlich einen Preisnachlass verlangen, wird man sie eher belächeln", erläuterte ein Kassenfunktionär. Bei ausgewählten Medikamenten könne der Hersteller dagegen eine bestimmte Absatzmenge kalkulieren. Dadurch vergrößere sich der Preis-Spielraum.
Gesundheitsstaatssekretär Theo Schröder betonte, die "Stoßrichtung" des Vorschlags für mehr Wettbewerb sei in den Reform-Eckpunkten enthalten. Ein kassenspezifischer Ausschluss von Medikamenten aus dem Leistungskatalog stößt im Ministerium allerdings auf rechtliche Bedenken. Bei den Kassen vermutet man derweil, dass die konkrete Idee an politischen Differenzen in der großen Koalition gescheitert ist. Schließlich gehe sie zulasten der Pharma-Unternehmen. Der Gesundheitsexperte Eberhard Wille ist allerdings zuversichtlich: Nach allen Erfahrungen komme eine Gesundheitsreform im Rhythmus von etwa drei Jahren. "Ich wäre schon zufrieden, wenn unserer Vorschlag dazu dient, sich künftig stärker mit dem Thema zu beschäftigen", meinte Wille. Die Kosten des Gutachtens wurden übrigens mit knapp 200 000 Euro angegeben.