Jürgen F. , ehemaliger Mitarbeiter im Cottbuser Jugendamt, muss sich wegen sexuellen Missbrauchs betreuter Jungen vor dem Landgericht verantworten.Jürgen F. wird in Handschellen in den Gerichtssaal geführt. Seit März sitzt er wieder in Untersuchungshaft, weil er nach Beginn des Verfahrens einen Zeugen bedroht haben soll, der ihn belastet hatte. Eine Haftbeschwerde des ehemaligen Sozialarbeiters im Cottbuser Jugendamt wurde zurückgewiesen. Er wird deshalb vermutlich bis zu einem Urteil in Haft bleiben, doch das ist nach neun Monaten Verhandlung noch nicht in Sicht.
Eine Ursache dafür ist der Gesundheitszustand des Angeklagten. Er ist Diabetiker und er klagt über Herz-Kreislauf-Beschwerden. Verhandelt werden kann deshalb pro Sitzungstag nur insgesamt vier Stunden. Außerdem scheint es die Verteidigung von Jürgen F. nicht eilig zu haben, das Verfahren zu Ende zu bringen. Die ersten von insgesamt 33 Taten, die die Anklage dem ehemaligen Sozialarbeiter vorwirft, beginnen in diesen Tagen zu verjähren.
Jürgen F. soll über einen längeren Zeitraum drei Jungen, damals zwischen zwölf und 15 Jahre alt, die ihm zur Betreuung anvertraut waren, sexuell missbraucht und dabei zum Teil gefilmt und fotografiert haben. Um sein Ziel zu erreichen, soll er mit Geld und Vergünstigungen gelockt, aber auch die Abhängigkeit der Jungen als Druckmittel benutzt und ihnen gedroht haben. Er bestreitet den Vorwurf.

Uneingeschränkt schuldfähig
Der Fall hatte auch für Aufsehen gesorgt, weil F. sich auch ehrenamtlich beim Kinderschutzbund betätigt hatte. Dort saß er im Arbeitskreis sexueller Missbrauch am Tisch neben Staatsanwältin Martina Eberhart, die jetzt am Landgericht die Anklage gegen ihn vertritt.
Frank Wendt, psychiatrischer Gutachter in diesem Verfahren, sieht keinen Anhaltspunkt dafür, dass Jürgen F. für die ihm vorgeworfenen Taten nicht oder nur vermindert schuldfähig sein könnte. Das erklärte er gestern vor dem Landgericht. Weder habe bei Jürgen F. zur Tatzeit eine schwere seelische Erkrankung vorgelegen, noch sei sein Bewusstsein durch Alkohol und Beruhigungsmittel, die der Sozialarbeiter damals in größeren Mengen zu sich nahm, so getrübt gewesen, dass er nicht wusste, was er tat. Der Jugendamtsmitarbeiter habe in den der Anklage zugrunde liegenden Situationen zielorientiert und sicher gehandelt. Eine Pädophile, also eine ausschließliche sexuelle Orientierung auf Kinder, schloss Frank Wendt bei dem Angeklagten aus.
Der Psychiater schilderte Jürgen F. in seinem Gutachten als einen Menschen mit einerseits großem Geltungsdrang, andererseits habe er sich immer mehr sozial zurückgezogen. Zunächst begann F. nach dem Abitur, Militärmedizin zu studieren, brach diese Ausbildung jedoch ab. Etwa zu diesem Zeitpunkt habe der Angeklagte eine homosexuelle Beziehung gehabt.

Arbeit im Kinderheim
Danach arbeitete er als Montagearbeiter, ließ sich in einem Ferienlager anstellen, später im Kinderheim in Spremberg, dann in einem Cottbuser Lehrlingsheim und bei der Bahn. Eine Ehe, die er in den 70er-Jahren einging, wurde nach zwei Jahren geschieden. Kurz nach der Wende bewarb er sich beim Cottbuser Jugendamt und wurde eingestellt.
Seit den 80er-Jahren, so der Gutachter, habe Jürgen F. es verstanden, sich immer wieder sexuelle Kontakte zu Jugendlichen zu verschaffen. Dabei sei es nicht um gleichberechtigte Beziehungen gegangen, sondern immer auch um Macht den Jungen gegenüber. In einer 1985 begonnenen Psychotherapie habe Jürgen F. sich offensichtlich nicht ehrlich mit seinen Problemen auseinander gesetzt, sondern die Schuld daran anderen zugewiesen.
Rechtsanwalt Helmut Dittberner, der gemeinsam mit einer Kollegin Jürgen F. verteidigt, stellte vor Erstattung des Gutachtens den Antrag, den Psychiater wegen Zweifeln an dessen fachlicher Eignung von seiner Aufgabe zu entbinden. Das Gericht lehnte das ab. Doch Dittberner ließ nach Verlesung des Gutachtens nicht nach. Immer wieder stellte er Fragen zum beruflichen Werdegang, zur fachlichen Qualifikation und Erfahrung des Gutachters.
Ziel der Verteidiger ist es offensichtlich, Jürgen F. eine verminderte Schuldfähigkeit attestieren zu lassen. Deshalb beantragten sie, Einsicht in Krankenakten von Jürgen F. zu bekommen. Außerdem sollen zwei frühere behandelnde Ärzte ihres Mandanten als Zeugen gehört werden. Das soll im Februar geschehen. Wann das Urteil fällt, ist noch unklar.