Als Supermacht müssen wir ein Champion der Menschenrechte sein."

Es klang wie ein Vermächtnis, und das ist es nun wohl auch. An Krebs erkrankt, lässt sich der Neunzigjährige in einer Klinik in Atlanta behandeln. Er beschäftigt die Amerikaner, aber nicht nur, weil es ernst ist. An Carter scheiden sich einmal mehr die Geister, auch weil das Land mit Blick auf die Wahl 2016 zu bestimmen versucht, welche Rolle es in der Welt spielen soll.

Für die einen ist er ein Weiser, der seiner Zeit voraus war, erst unterschätzt und später zu Unrecht belächelt. Ein Politiker, der seinem moralischen Kompass treu blieb, statt sich ständig den neuesten Umfragen anzupassen. Andere sehen in ihm das Gesicht der Malaise der späten Siebzigerjahre, als der desaströse Vietnamkrieg untypische Selbstzweifel hinterließ, bevor Ronald Reagan mit sonnigem Gemüt neue Zuversicht verbreitete. Jimmy Carter, das moralische Gewissen der Nation. Jimmy Carter, der Inbegriff des Pessimismus.

Tatsächlich zählt er - neben George Bush und Gerald Ford - zu den wenigen Präsidenten der jüngeren Vergangenheit, die Schiffbruch erlitten, als sie sich um eine zweite Amtszeit bewarben. Während er in der Energiekrise vom Energiesparen sprach und auf dem Dach des Weißen Hauses Solarpanele anbringen ließ, porträtierten ihn viele als irgendwie weltfremden Umweltpropheten. Eine heraufziehende Rezession schürte den Unmut, dann war es die Geiselkrise in Teheran, die Carters Schicksal besiegelte, zumal ein Versuch, die gefangenen Diplomaten zu befreien, kläglich in einem Wüstensturm scheiterte. Bittere Ironie: Nach 444 Tagen kamen die Geiseln genau an dem Tag frei, als Reagan die Geschäfte übernahm.

Die verpasste Wiederwahl, die große Enttäuschung seiner Karriere, Carter selbst kommentierte sie zuletzt mit einer Gelassenheit, wie sie angemessen ist, wenn ein alter Mann sein Leben noch einmal an sich vorüberziehen lässt. In seinem Memoirenband ("A Full Life") zitiert er seinen Vize Walter Mondale, um eine brachial kurze Bilanz seiner Präsidentschaft zu ziehen. "Wir haben die Wahrheit gesagt, wie haben uns an das Recht gehalten, wir haben den Frieden bewahrt."
Im Januar 1981, da übergab er das Oval Office an Reagan, war er 56 Jahre alt, einer der jüngsten Ex-Präsidenten in der Chronik der Vereinigten Staaten. Danach erwarb er sich den Ruf, der aktivste Ex-Präsident zu sein, den die USA jemals hatten. Die Carter-Stiftung, deren Hauptquartier in einem lauschigen Park in Atlanta an ein modernes Opernhaus denken lässt, verschrieb sich dem Kampf gegen tückische Tropenkrankheiten, sie beobachtete rund um den Globus mehr als einhundert Wahlen, in Ländern ohne demokratische Tradition versuchte sie die Zivilgesellschaft zu fördern.

Dank Carters Engagement gilt der Guineawurm, ein Parasit, der in verschmutztem Wasser Menschen befällt, heute als praktisch ausgerottet. Irgendwann habe sich die Frage gestellt, wer länger durchhalte, "der Wurm oder ich", witzelte der Greis neulich in einem Radiointerview. Als sich abzeichnete, dass Ägypten unter dem General Abdel Fattah al-Sissi zu autokratischen Verhältnissen zurückkehren würde, schloss das Carter-Center demonstrativ sein Büro in Kairo.
Seit geraumer Zeit hat es den Anschein, als feiere der Unterschätzte in der öffentlichen Wahrnehmung ein spätes Comeback. Auch zu Hause, nicht nur im Ausland, wo er schon immer Respekt genoss (2002 wurde ihm in Oslo der Friedensnobelpreis verliehen). "Camp David", ein Theaterstück über seinen Kraftakt beim Vermitteln zwischen Ägypten und Israel, wurde ein großer Erfolg. Nicht zu vergessen, es war es Carter, der den bislang wichtigsten Friedensvertrag des Nahen Ostens auszuhandeln half. Anwar el-Sadat und Menachem Begin, die beiden Protagonisten, hat er dafür 13 Tage lang regelrecht eingesperrt in der Waldsiedlung Camp David, resolut einschreitend, wenn ein Scheitern drohte.

Sieht man es durch die Brille amerikanischer Innenpolitik, dann ist es der Aufstieg des vermeintlichen Hinterwäldlers aus Georgia, der am meisten interessiert. Der Südstaatendemokrat, der wie aus dem Nichts auf der Bildfläche erschien, um sämtliche Favoriten der Wahl zu besiegen. Sohn eines Farmers, tiefgläubiger Baptist, anfangs jenseits von Georgia nahezu unbekannt: der klassische Senkrechtstarter - und damit ein amerikanisches Idol. Die schönste Episode dazu stammt aus New Hampshire, wo sich in weichenstellenden Primaries bewähren muss, wer von seiner Partei zum Kandidaten gekrönten werden will. "Hi, ich bin Jimmy Carter, und ich möchte Präsident werden", stellte sich der Mann aus dem Süden in einem Imbisslokal vor. Worauf der Besitzer, ein gewisser Lloyd Robie, völlig baff fragte: "Jimmy Who?"