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Ex-Häftling streitet vor dem Cottbuser Sozialgericht für eine höhere Beschädigtenrente

Cottbus. Ein früherer politischer Häftling der DDR klagt in Cottbus gegen das Versorgungsamt. Auf den ersten Blick behandelt der Rechtsstreit den Wunsch nach einer höheren Beschädigtenrente. Auf den zweiten Blick offenbart er, wie die Diktatur die Menschen bis heute verfolgt. Von René Wappler

Zunächst wirkt Gerd Korsowski aus Lübbenau wie ein bulliger Kerl, den so schnell nichts umhaut. Im Erdgeschoss des Sozialgerichts unterhält er sich mit seiner Anwältin, gleich wird die Verhandlung beginnen, doch im Gespräch zeigt sich: Der Mann ist aufgeregt. Für ihn geht es an diesem Dienstag um mehr als eine Entschädigung. Für ihn geht es um seine Vergangenheit.

Eine Odyssee von Gutachter zu Gutachter hat er hinter sich. Stets ging es um die Frage: Gelten seine Depressionen, seine Alpträume, sein Nierentumor als Folgen der politischen Haft? Von Mai 1967 bis November 1968 war er im Cottbuser Gefängnis der Staatssicherheit am Gerichtsberg eingesperrt. Einzelhaft, sogar Isolationshaft, weil er "sehr freimütig", wie er sagt, Kritik an den Zuständen in der DDR geäußert hatte.

Die Gutachter sind sich uneins, und das erschwert den Rechtsstreit. Da gibt es Mediziner, die feststellen, dass seine psychischen und körperlichen Probleme durchaus von der Zeit der Inhaftierung herrühren können. Und dann wieder andere Ärzte, die glauben, das seien durchaus typische Krankheiten für einen 68-jährigen Mann - ganz gleich, ob er im Gefängnis saß oder nicht.

Mehrere Häftlinge von damals begleiten den Kläger in den Gerichtssaal. Sie arbeiten heute im Cottbuser Menschenrechtszentrum mit, sie wollen Gerd Korsowski Beistand leisten, der seine Anspannung nur schlecht verbergen kann. Auch der Cottbuser Politiker Gottfried Schierack sitzt unter den Zuhörern, ein Mann, der sich zu DDR-Zeiten nicht in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands - kurz: SED - drängen ließ und erst nach der politischen Wende in die CDU eintrat. Gottfried Schierack handelt sich eine Ermahnung von Richterin Sylvia Sommer ein, als er sich zu seinem Nachbarn dreht und schimpft, die Stasi-Täter hätten manchen Leuten das ganze Leben versaut, und die Opfer müssten sich jetzt auch noch dafür rechtfertigen.

Die Richterin sagt, an ihn gewandt: "Ich bitte um Ruhe."

Für den Vertreter des Versorgungsamtes, Norbert Schulze, steht die Frage im Raum, warum Gerd Korsowski die Klage erst jetzt eingereicht hat, zwei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR. Der Kläger sagt wiederum, das Lesen seiner Stasi-Akte habe die alten Geschichten an die Oberfläche gebracht. Seine Anwältin, Barbara Merz, formuliert es so: "Man versucht natürlich zunächst, schreckliche Erlebnisse zu verdrängen - aber dann kommen sie wieder hoch."

Als die DDR zusammengebrochen war, stellte Gerd Korsowski einen Rehabilitationsantrag, der positiv beschieden wurde. Damit ging eine Nachzahlung von ungefähr 4500 Euro einher. Die Beschädigtenrente, deren Höhe an diesem Dienstag Gegenstand der Gerichtsverhandlung ist, beantragte er erstmals im Jahr 2006. Bislang erhielt er monatlich 119 Euro - doch er glaubt, dass diese Summe nicht ausgleichen kann, was er in der DDR-Haft erlitten hatte. "Meinem Stasi-Vernehmer von damals steht heute sicher mehr Geld zur Verfügung." Eine generalisierte Angststörung hat der Cottbuser Facharzt für psychotherapeutische Medizin und Psychoanalyse Dr. Roger Kirchner bei ihm festgestellt, was so viel heißt wie: Gerd Korsowski fürchtet sich die meiste Zeit des Tages. Auch heute noch empfindet er Tag für Tag Angst vor der Staatssicherheit.

Nach einstündiger Verhandlung beschließt die Richterin, den Beklagten, das Versorgungsamt, zu einer höheren Rentenzahlung zu verurteilen - allerdings nicht in dem Umfang, den sich Gerd Korsowski erhofft hat. Wie die Richterin ausführt, sei "eine Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung" anzuerkennen. "Zu Recht hat aber auch der Beklagte darauf hingewiesen, dass weitere Faktoren existieren, die die Gesundheit des Klägers beeinflusst haben könnten", sagt sie. Aus diesem Grund folgt sie dem Argument des Klägers nicht bis in die letzte Konsequenz.

226 Euro im Monat wird Gerd Korsowski fortan vom Versorgungsamt erhalten. Dabei hält er einen anderen Aspekt für wichtiger: "Ich bin nicht nur für mich vor Gericht gegangen, sondern für alle früheren politischen Häftlinge, denen es ähnlich geht." Als er den Gerichtssaal verlässt, scheint eine Last von ihm gefallen zu sein. Die Freunde vom Menschenrechtszentrum umringen ihn, und er sagt: "Im Land Brandenburg werden die Haftopfer leider miserabel behandelt."

Beide Seiten, darauf weist die Richterin hin, können gegen das Urteil Berufung einlegen.

Zum Thema:

Der Verein "Menschenrechtszentrum Cottbus" gründete sich nach eigenen Angaben am 31. Oktober 2007 nach einem Treffen von mehreren Hundert ehemaligen politischen Gefangenen in der früheren Cottbuser Haftanstalt. Ziel des Menschenrechtszentrums ist es, die Geschichte der Haftanstalt während der Zeit des Nationalsozialismus und der SED- Diktatur aufzuarbeiten. Dabei kooperiert der Verein unter anderem mit der Organisation amnesty international.