Aber das müssten nun "andere verantworten". Obgleich er beim "sogenannten" Datenskandal mit sich "im Reinen" sei, biete er seinen Rücktritt an. Da ist Mehdorn den Tränen nah. Er steht auf, sagt noch "vielen Dank" und eilt vom Podium. Viele Beobachter im weiträumigen Saal des Berliner Nobelhotels Marriott sind erstaunt über die spektakuläre Wendung. Die Bahn hat zur Bilanzpressekonferenz über das Geschäftsjahr 2008 geladen, und mehr als eine Stunde lang tut Mehdorn so, als ginge es nicht um ihn. Er präsentiert eine Erfolgszahl nach der anderen, weist aber auch immer wieder auf die Wirtschaftskrise hin, der sich die Bahn stellen müsse. Wer mag da an Rückzug denken? Selbst als ein Journalist Mehdorn drängt, er solle sich doch erst einmal zu den entsprechenden Gerüchten äußern, bleibt der Vorstandchef kühl und gelassen: "Sie werden sich gedulden müssen, auch wenn es Ihnen schwer fällt." Die eigenwillige Dramaturgie des Rücktritts bringt die Politik vorübergehend in Erklärungsnot. Als die turnusmäßige Bundespressekonferenz am Montagmittag verschoben wird, ist klar, dass eine Entscheidung in der Luft liegt. Nur wann? Schließlich beginnt die Pressekonferenz, aber Mehdorn ist im Marriott noch immer mit den Bilanzzahlen beschäftigt. Regierungssprecher Ulrich Wilhelm sagt deshalb nichts zur Personalie, sondern nur, dass man die "Form wahren" und dem Ergebnis der Bahn-Pressekonferenz nicht vorgreifen werde. Doch er scheint schon Bescheid zu wissen. Auch das SPD-Präsidium, das ein paar Kilometer weiter im Willy-Brandt-Haus tagt, hat den Tagesordnungspunkt Mehdorn kurzfristig nach hinten geschoben. Schließlich geht alles ganz schnell. Um kurz nach zwölf Uhr verliest der Bahnchef im Marriott-Hotel eine vorbereitete Erklärung. Von Reue oder Schuld ist sie allerdings weit entfernt. Gleich mehrfach betont Mehrdorn, dass es bei der Datenaffäre inklusive der massenhaften Überprüfung von Mitarbeiter-Mails keinerlei strafrechtliche Fehlhandlungen gegeben habe. Auch die zuletzt bekannt gewordene Löschung eines elektronischen Streikaufrufs der Lokführer-Gewerkschaft GDL durch das Bahnmanagement gehe juristisch in Ordnung. "Vorverurteilungen, Verdächtigungen und Spekulationen" hätten aber ein Ausmaß angenommen, das selbst für ihn "schwer erträglich" sei. Er trage die "Gesamtverantwortung", der er sich nicht entziehe wolle. Die "zerstörerischen Debatten" müssten beendet werden, weil sie der Bahn, "ja dem ganzen Land" schadeten. Daher habe er beim Aufsichtsratsvorsitzenden Werner Müller um die Auflösung seines Vertrages nachgesucht. Bereits wenige Minuten später geht die Stellungnahme der Bundesregierung über die Agenturen. Mehdorns Rücktrittsangebot sei "mit Respekt zur Kenntnis" genommen worden. Es ist die diplomatische Umschreibung für einen unausweichlichen Schritt, nachdem Mehdorn nicht nur das Vertrauen der Gewerkschaften eingebüßt hatte, sondern auch den Rückhalt von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Eigentlich wollte die Regierungschefin das Problem Mehdorn bis zur Bundestagswahl aussitzen. Danach, so die Überlegung, könnte die Union ohne SPD regieren und einen ihr genehmen Nachfolger benennen. Mehdorn war noch unter Merkel-Vorgänger Gerhard Schröder (SPD) ins Amt gekommen. Allein, die immer neuen Enthüllungen über groß angelegte Mitarbeiter-Überprüfungen und die wachsende öffentliche Empörung zwangen das Kanzleramt zum Umdenken. Mehdorn blieb keine Wahl mehr. Noch am Freitag vergangener Woche hatte er einen Rücktritt kategorisch abgelehnt. Wie es nun an der Spitze des Staatskonzerns weitergehen soll, bleibt zunächst offen. Erste kolportierte Namen wurden umgehend dementiert. Nach Angaben von Vize-Kanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD) soll darüber noch möglichst in dieser Woche entschieden werden. Leicht dürfte es aber nicht sein, einen Nachfolger von Mehdorns Format zu finden. Zwar gilt der 66-jährige Vater dreier Kinder wegen seiner notorischen Rauflust und Selbstgerechtigkeit als schwierig. An seinen Verdiensten als Manager gibt es aber wenig zu deuteln. Innerhalb von nur zehn Jahren formte Mehdorn aus dem schwerfälligen Beamten-Koloss Bahn ein pro fi tables Unternehmen, das auch im europäischen Maßstab vielen Konkurrenten davon fährt. Und selbst falsche Entscheidungen - Stichwort Schaltergebühren oder Tarifsystem - schienen seine Karriere nicht zu stoppen. Die jüngste Bahnbilanz liest sich dann auch zum Teil wie eine persönliche Erfolgsgeschichte Mehdorns. Nun muss er sich eine andere Herausforderung suchen.