"Es ist ein einzigartiges Archiv, das es in Europa in dieser Form nicht noch einmal gibt", sagt der Tourismusforscher und Leiter des Archivs, Hasso Spode. Doch das könnte schon bald Vergangenheit sein. Schließlich wird das Institut in einigen Monaten geschlossen. Damit ist auch das Archiv vom Aus bedroht. Noch ist unklar, was mit ihm passieren soll. Von Außen lässt das Gebäude nicht erahnen, was sich i m Inneren verbirgt: Modernisierte, eher nüchterne Fassaden repräsentieren den Unibau an der Malteserstraße im beschaulichen Berlin-Lankwitz. In einer ehemaligen Tischtennishalle im Erdgeschoss jedoch, hinter hellbeigen Türen, können die Besucher zumindest gedanklich weit weg reisen. Ordentlich sortierte Baedecker-Reiseführer aus dem 19. Jahrhundert beispielsweise geben Tipps für Trips ins europäische Ausland, ein ugandischer Werbeprospekt aus dem Jahr 1954 lockt mit exotisch anmutenden Schwarz-Weiß-Bildern, und Walt Disneys Buch "Geheimnisvolle Steppe" stellt wilde Tiere vor. Dagegen wirken die losen Papiere, die am Rand des Raumes gestapelt liegen, trist und wenig aufregend. Doch dieser erste Eindruck täuscht. Immerhin verbergen sich dort die Anfänge der touristischen Forschung: soziologische Studien aus den 50er-Jahren, die so bizarre Titel tragen wie "Beobachtung eines Psychologen-Ehepaares während einer Gesellschaftsrundreise durch Italien". Was darin steht, wirkt aus heutiger Sicht komisch, war damals jedoch ernsthaft betriebene Feldforschung. Zum einen wird akribisch festgehalten, wie viele Stunden die Touristen in Kirchen, Museen und am Strand verbrachten. Zum anderen versuchen Beschreibungen den Reiz am Reisen zu ergründen - was nicht immer leicht erschien, wie zu lesen ist: "Fast alle Teilnehmer stöhnen unter den Strapazen der Reise: Die langen beschwerlichen Busfahrten in der glühenden Sonne, die zahlreichen Besichtigungen und Führungen ohne ausreichende Erholungspausen, das frühe Aufstehen nach oft viel zu kurzer Nachtruhe gibt Anlass zu Klagen." All diese, seit Jahrzehnten gesammelten Unterlagen hat Hasso Spode mit einigen Mitarbeitern akribisch sortiert und für Tourismusforscher aus der ganzen Welt zugänglich gemacht. Seit 1986 gab es zahlreiche Untersuchungen, darunter zum Reiseverhalten der DDR-Bürger, den Angeboten der Nationalsozialisten und der Frage, warum Menschen überhaupt reisen. Dafür fehlt aber nun das Geld. Der Akademische Senat der Freien Universität beschloss, das Institut zum 30. September zu schließen. Wie ein Sprecher erklärt, lag das auch daran, dass die Scharnow-Stiftung für Touristik ihre Zuschüsse stark gekürzt hat. Schon jetzt werden laut Tourismusforscher Spode keine Studenten mehr aufgenommen, da sie ihr Studium auch gar nicht mehr beenden könnten. Spode, der noch an der Hochschule in Hannover lehrt, macht sich nun große Sorgen um die Zukunft seines Archivs. Er befürchtet, dass es aufgelöst und seine Schätze nach und nach in Antiquariaten landen könnten. "Das wäre ein Drama", sagt Spode. Nicht nur allein wegen der Sammlung. "Tourismus ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, man kann an ihm viele politische und sozialhistorische Aspekte ablesen", sagt der 57-Jährige. Ohne ein zentrales Archiv wäre das ziemlich schwierig. dpa/ab