Von Ellen Hasenkamp
und Mathias Puddig

Bei der SPD ist man schon nicht einmal mehr sauer. Stattdessen herrscht Stille im Willy-Brandt-Haus. Kein Wort, als die Prognose für die Europawahl bekannt gegeben wird, keines, als die Zahlen für Bremen folgen. Und das, obwohl sich die SPD erneut unterboten hat. Zum ersten Mal überhaupt landet sie in einer bundesweiten Wahl auf dem dritten Platz, zum ersten Mal wird sie in Bremen nicht die stärkste Kraft. Ob sie auch künftig den Bürgermeister der Hansestadt stellt, hängt an den Grünen.

Ein Desaster. Nicht ganz so schlimm, wie es hätte kommen können. Aber doch so fatal, dass SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil gleich nach 18 Uhr ankündigt: „Das kann nicht ohne Folgen bleiben.“ Das Ergebnis lasse sich nicht schönreden, man habe jetzt einiges zu besprechen. Nur Fragen des Spitzenpersonals gehören angeblich nicht dazu. „Putschgerüchte und Spekulationen sind nur Rituale alter Politik“, wehrt Klingbeil neue Debatten über die künftige Rolle von Andrea Nahles ab.

Denn klar ist mit diesem Abend: Nahles, die die SPD seit mehr als einem Jahr führt, hat das Ruder nicht herumreißen können. Auch sie selbst findet das Ergebnis nicht nur enttäuschend, sondern gleich „extrem enttäuschend“. Einen konkreten Schwachpunkt ihrer Partei nennt sie umgehend: den Klimaschutz. „Wir haben uns nicht ausreichend dafür aufgestellt“, sagt sie. Das ist auch Selbstkritik. Denn Nahles hat seit ihrer Wahl viel Energie in die programmatische Erneuerung gesteckt. Über ihre öffentlichen Auftritte aber haben selbst wohlgesonnene Genossen die Stirn gerunzelt.

Auch deswegen wird die SPD Spekulationen übers Personal nicht los. Zuletzt war eine Rückkehr von Martin Schulz im Gespräch, auch die Namen Matthias Miersch und Achim Post wurden immer wieder genannt. Nahles aber macht am Wahlsonntag klar: Sie glaubt, an der Partei- und Fraktionsspitze gebraucht zu werden. „Das Schlimmste, was uns passieren kann, wäre, den Weg auf halber Strecke abzubrechen.“

Ganz so dramatisch ist die Lage bei der CDU nicht, aber glanzvoll kann man den Abend in der Parteizentrale auch nicht gerade nennen. Dort ist es voll wie lange nicht. Bis endlich gejubelt werden kann, dauert es ein bisschen, bis nämlich die Zahlen für Bremen vorgetragen werden. CDU vor SPD in der tiefroten Hansestadt, da schreien die jungen Leute in den blauen T-Shirts befreit auf. Bei dem Europa-Ergebnis dagegen bleibt es still. Unter 30 Prozent – „das entspricht nicht unseren Ansprüchen“, räumt Generalsekretär Paul Ziemiak umgehend ein.

Dass es in Europa für die Christdemokraten nicht berauschend laufen würde, war erwartet worden. „Blaues Auge“, die Formulierung fällt häufiger in den Gesprächen in der Parteizentrale. „Ziel erreicht“, nennt es Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer und verweist darauf, dass CDU/CSU stärkste Partei geworden sind. Ein bisschen später redet sie dann aber auch von den verfehlten eigenen Ansprüchen. Tatsächlich ist das Europa-Ergebnis das bisher schlechteste Resultat bei einer bundesweiten Wahl überhaupt.

Es könnte daher ungemütlicher werden für die Parteichefin. Der Wahlabend war ihr erster großer Test: 40 Prozent plus x traut sie ihrer Partei eigentlich zu, so hatte sie es zumindest beim Kampf um das CDU-Spitzenamt immer wieder gesagt. Das ist nun gerade mal ein halbes Jahr her. Solche Personalfragen aber werden erstmal zur Seite gedrängt. Kramp-Karrenbauer schiebt stattdessen eine andere Personalie in den Mittelpunkt: Spitzenkandidat Manfred Weber. Der steht neben ihr auf der Bühne, und er soll nun dem wenig strahlenden ersten Platz im Nachhinein noch ein wenig Goldglanz geben: Indem er nämlich Kommissionspräsident wird. Den Blick nach vorne richten, diese Devise ist aus AKKs Worten rauszuhören.