"So kann man das wirklich
leider nicht
machen."
 Vaclav Klaus,
tschechischer Präsident


Die Generalprobe ist gelungen: Unter einem blauem Frühlingshimmel konnte Angela Merkel (CDU) als EU-Ratspräsidentin gestern die Berliner Erklärung unterzeichnen. "Ein Traum ist wahr geworden", schwärmte die Kanzlerin über den 50. Geburtstag Europas. Als einen "Höhepunkt" des deutschen EU-Vorsitzes hatten ihre Helfer das Ereignis bereits im Vorfeld bezeichnet. Doch die eigentliche Herausforderung steht noch aus: Merkel soll die heißumstrittene EU-Verfassung bis Juni wieder aufs Gleis setzen. Und erst daran wird sich der Erfolg der deutschen Präsidentschaft messen lassen - und damit auch, ob die am Wochenende vielbeschworene Bürgernähe Europas über eine EU-Fanmeile und europäische Clubnächte hinaus gelingt.
Gelungen ist erst einmal die Berliner Erklärung: Tatsächlich ist der Text vergleichsweise kurz und frei von sonst üblichen EU-Geheimbegriffen wie "Subsidiarität" oder "Gemeinschaftsmethode". Und statt trockener Diplomatenformeln finden sich emotionale Verweise auf "Freiheitsliebe" und sogar "Glück". Doch die 534 Wörter der Erklärung samt Festreden, Begleitkonzert und Jubiläumsdinner helfen auf dem weiten Weg zur angestrebten EU-Verfassung allenfalls ein Stückchen weiter. Merkel räumte ein, dass es "nun weitere Aufgaben zu lösen gibt".
Dabei war schon das Zustandekommen der zwei Seiten unverbindlichen Textes alles andere als einfach: Wieder einmal galt es, Empfindlichkeiten hier und Sonderwünsche dort zu berücksichtigen. So durfte das Wort "Erweiterung" wegen der unterschiedlichen Positionen in den 27 Mitgliedstaaten nicht genannt werden, ein Verweis auf die christlichen Wurzeln Europas unterblieb unter anderem wegen französischer Bedenken und von einem "europäischen Sozialmodell" wollten wiederum die Briten nichts lesen. Zuletzt setzte Spanien durch, das daheim drängende Problem der illegalen Einwanderung in die Erklärung aufzunehmen. Das alles bot einen Vorgeschmack darauf, welche Forderungen und Blockaden bei Verhandlungen über verbindliche EU-Reformen zu erwarten sind.
Doch gerade der Weg war Teil des Ziels für die deutsche EU-Ratspräsidentschaft: "Für uns ist nicht nur das Ergebnis, sondern auch das Verfahren an sich ein Wert", sagte ein Beteiligter. Geprobt worden sei mit Blick auf die anstehenden Verfassungs-Beratungen, ob und wie mit den anderen Haupstädten vertrauensvoll zusammengearbeitet werden kann. Und das sei bei der "ganz überwältigenden Mehrheit der Mitgliedstaaten der Fall", hieß es weiter.
Dazu gehört Tschechien offenbar nicht: Noch in Berlin beklagte Präsident Vaclav Klaus das Fehlen von "demokratischer Debatte und demokratischer Diskussion" beim Zustandekommen des Textes: "So kann man das wirklich leider nicht machen." Merkel begann noch gestern mit der Bearbeitung von Klaus: Demonstrativ nahm sie den weißhaarigen Europaskeptiker beim Gang aus dem Zeughaus an ihre Seite. Und stellte zugleich klar, dass auch bei den Verhandlungen über die EU-Verfassung "nicht alles auf dem offenen Platz stattfinden wird".
Doch nicht nur Präsidenten, auch die Bürger wollen mitgenommen werden. Ein "Konferenzeuropa" werde sie nicht überzeugen, mahnte Bundespräsident Horst Köhler in seiner Tischrede am Samstagabend und schlug als Gegenmittel einen europäischen Fernsehsender oder ein "Haus der europäischen Geschichte" vor. Für die EU-Bürgerin und Rockröhre Gianna Nannini jedenfalls waren Erklärungen und Reden in Berlin offenbar zu langweilig: Sie sagte ihren Auftritt beim Europafest am Brandenburger Tor kurzfristig ab. Zu viel "Blabla", lautete die Begründung.
Dabei sollte doch gerade mit der Riesenparty - mit Musik, Tanz, belgischen Waffeln und griechischem Kebab - etwas für mehr Bürgernähe getan werden. Hundertausende Menschen folgten bei herrlichem Sonnenschein in der deutschen Hauptstadt dem Ruf und haben die Gründung der EU gefeiert. Der Protest von EU-Gegnern fiel geringer aus als angekündigt. Zu der Demonstration unter dem Motto "Nein zum Europa des Kapitals!" waren nach Polizeiangaben lediglich 1000 EU-Gegner gekommen. Ursprünglich waren bis zu 10 000 Demonstranten erwartet worden.
Am Brandenburger Tor nutzten viele die Gelegenheit, sich über die Europäische Union zu informieren oder regionale Köstlichkeiten der einzelnen Länder zu probieren. Gefragt waren unter anderem Piroggen aus Polen, Hefeteigbrezeln aus Lettland und Walnusskuchen aus Griechenland. Bei "europablauem" Himmel flanierten Tausende über die Festmeile.
In mehr als 75 Zelten und an zahllosen Ständen stellten sich die derzeit 27 Mitgliedsstaaten und weitere Organisationen wie das deutsch-französische Jugendwerk vor. Schon in der Nacht zu gestern wurde in Museen, Clubs und Discos gefeiert. 14 Museen auf der Museumsinsel und auf dem Kulturforum zeigten in der "Nacht der Schönheit" bis um zwei Uhr ihre weltberühmten Schätze. Allein gut 100 DJs sorgen für ein lebhaftes Musik- und Tanzvergnügen bei der "Europäischen Clubnacht". "Kondition ist gefragt", hatte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) am späten Samstagabend im Pergamonmuseum erklärt, wo dichtes Gedränge herrschte. Besonders für die Aufführung des Tanzensembles Sasha Waltz & Guests am Pergamonaltar war das Interesse groß.
Den Abschluss des Festes bildete ein Feuerwerk, das vor allem in den EU-Farben blau und gold in den Berliner Abendhimmel stieg.

Zum Thema Europa-Umfrage
 Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hofft, mit der Berliner Erklärung auch die europamüden Bürger mitreißen zu können.
Die Deutschen
stehen der EU nach einer Forsa-Umfage überwiegend positiv gegenüber. 52 Prozent der Bundesbürger gaben an, die EU habe den Deutschen eher genutzt. Allerdings halten es 54 Prozent der Befragten für einen Fehler , dass der Euro die D-Mark abgelöst hat. Der Euro wird neben dem Binnenmarkt in der Berliner Erklärung als eine der größten Errungenschaften der EU bezeichnet.