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| 14:23 Uhr

Europäisches Adieu für einen politischen Riesen

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verneigt am 01.07.2017 beim europäischen Trauerakt für den verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl im EU-Parlament in Straßburg am Sarg. Kohl war am 16.06.2017 im Alter von 87 Jahren gestorben.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verneigt am 01.07.2017 beim europäischen Trauerakt für den verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl im EU-Parlament in Straßburg am Sarg. Kohl war am 16.06.2017 im Alter von 87 Jahren gestorben. FOTO: Michael Kappeler (dpa)
Straßburg. Mit einem Staatsakt im Europaparlament hat die EU Abschied von Helmut Kohl genommen. Es war die Auszeichnung für einen großen Europäer. Christine Longin

Das philharmonische Universitätsorchester von Straßburg spielte Georg Friedrich Händels "Saul", als der Sarg von Helmut Kohl um kurz nach elf Uhr mit der blauen Europaflagge bedeckt in den Sitzungssaal des Europaparlaments getragen wurde. Sechs Mitglieder des Eurokorps salutierten dem "politischen Riesen", wie EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani ihn nannte. Es war die Stunde des Abschieds von einem großen Europäer. Ein einzigartiger Moment, für den die EU zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen europäischen Staatsakt organisierte. "Helmut Kohl hat im Laufe seines Lebens viele Auszeichnungen erhalten, aber die wahre Würdigung wird ihm durch das historische Gedenken heute zuteil", sagte Tajani, der als erster von acht Rednern sprach.

Den Abschluss bildete Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einer persönlich geprägten Ansprache: "Dass ich heute hier stehe, daran haben sie entscheidenden Anteil. Danke für die Chancen, die sie mir gegeben haben. Danke für die Chancen, die wir als Deutsche und Europäer durch sie erhalten haben." Als einzige erwähnte Merkel auch Kohls erste Frau Hannelore, bevor sie ihre Rede mit den Worten schloss: "Ich verneige mich vor Ihnen und Ihrem Andenken in Dankbarkeit und Demut." Es folgte ein Händeschütteln mit Kohls zweiter Frau Maike Kohl-Richter, die die Zeremonie mit einem schwarzen Hut, Sonnenbrille und schwarzen Handschuhen verfolgte. Die Witwe saß hinter einem Kranz roter Rosen, auf dem "In Liebe deine Maike" stand. Er wurde von den Kränzen der Bundesregierung und der europäischen Institutionen eingerahmt.

Die emotionalsten Ansprachen hielten der frühere US-Präsident Bill Clinton, der auf Initiative Kohl-Richters redete, und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Mit viel Humor erinnerte Clinton an Kohls Vorliebe für gutes Essen. "Hillary sagt, dass ich ihn mochte, weil er die einzige Person war, die das Essen noch mehr liebte als ich." Doch der weißhaarige frühere Staatschef, der am Redepult improvisierte, fand auch ernste Worte: "Helmut Kohl hat uns die Chance geboten, uns an etwas zu beteiligen, das größer war als wir selbst, größer als unsere Karriere." Unter lang anhaltendem Applaus salutierte Clinton mit der Hand vor dem Sarg, bevor er sich wieder neben die Bundeskanzlerin in die erste Reihe setzte.

Auch Juncker sprach mit viel Gefühl von seinem "Freund Helmut". "Mit Helmut Kohl verlässt uns ein Nachrkiegsgigant. Er hielt Einzug in die Geschichtsbücher und in den Geschichtsbüchern wird er für immer stehen", würdigte der Kommissionspräsident den Altkanzler sichtlich bewegt. Er sprach von Kohl als deutschem, aber auch europäischem Patrioten. "Das war für ihn kein Widerspruch. Für Helmut Kohl gingen deutsche und europäische Einheit zusammen, zwei Seiten einer Medaille eben", wiederholte Juncker die berühmten Worte, die Kohl im Dezember 1989 vor dem Europaparlament ausgesprochen hatte.

Auf Französisch erinnerte er an die besondere Beziehung, die Kohl zu Frankreich hatte. "Er sprach kein Französisch, aber es gab nichts, was er von Frankreich nicht wusste." Juncker beschwor auch noch einmal das Bild des 22. September 1984 herauf, als Kohl Hand in Hand mit Francois Mitterrand vor den Gräbern von Verdun stand. Eine Freundschaft, die auch der französische Präsident Emmanuel Macron erwähnte. Als Jüngster der Redner war er der einzige, der den Blick in die Zukunft richtete. "Unser Europa ist die Geschichte mehrerer Generationen. Wir müssen dafür sorgen, dass unser Aufbauwerk nicht seine Schönheit verliert, wenn der europäische Geist es verlässt." Auf Deutsch ergänzte der 39-Jährige: "Wir haben überhaupt keinen Anlass zu Resignation. Wir haben vielmehr Grund zu realistischem Optimismus."

Als Kohls Sarg nach dem Abspielen der deutschen und der europäischen Hymne den Saal verlassen hatte, breitete sich erst einmal Schweigen unter den rund 800 Gästen aus, zu denen auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zählte. "Du hinterlässt einen politischen Leerraum", hatte der frühere spanische Regierungschef in seiner Rede gesagt. Diese Leere war am Samstag im Europaparlament zu spüren.