Die Bevölkerung in Deutschland wächst seit zwei Jahren wieder. Aber nicht etwa ein Babyboom, sondern Zuwanderung hat zu der Trendwende geführt. Vor allem Ost- und Südeuropäer suchen in Deutschland ihr Glück. Die einen nutzen neue Möglichkeiten der EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit, die anderen sehen in der Finanzkrise keine Perspektive in ihrer Heimat.

"Die steigenden Zuwanderungszahlen sind angesichts des demografischen Wandels eine große Chance für Deutschland", sagt die Vorsitzende des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), Christine Langenfeld. "Die Zuwanderung ist derzeit für den Arbeitsmarkt gut verkraftbar, vielleicht sogar hilfreich", sagt Johann Fuchs vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Die Qualifikation der Menschen, die nach Deutschland kämen, sei deutlich gewachsen.

Rund 82 Millionen Menschen lebten Ende 2012 nach einer Schätzung des Statistischen Bundesamts in Deutschland. Anfang des Jahres waren es noch ungefähr 200 000 weniger. Nach acht Jahren Rückgang hat die Einwohnerzahl damit zum zweiten Mal hintereinander zugenommen. Danach haben 2012 mindestens 340 000 mehr Menschen ihren Wohnsitz vom Ausland nach Deutschland verlegt als umgekehrt. "Einen Wanderungsgewinn von mehr als 300 000 Personen gab es zuletzt 1995."

Von der Zuwanderung profitieren aber vor allem die Boom-Regionen um begehrte Großstädte. "Die Zuwanderer gehen dahin, wo es Jobs gibt, und sicher nicht in die Diaspora", sagt Fuchs. "Sie fahren nach Berlin, wo was los ist und junge Leute sind, nicht dahin, wo Bevölkerungsschwund ist", stimmt Rembrandt Scholz vom Max-Planck-Institut für Demografischen Wandel in Rostock zu. Die Landflucht halte an.

Sven Stadtmüller vom Forschungszentrum Demografischer Wandel in Frankfurt (FZDW) formuliert es so: "Die bevorteilten Regionen profitieren von der Zuwanderung." Die Kluft zwischen den Regionen gehöre zu den am stärksten unterschätzten Folgen des demografischen Wandels in Deutschland. Schon jetzt sei die Lebenserwartung in einigen Regionen um einige Jahre höher als in anderen. Als Gründe nennt Stadtmüller die Sozialstruktur der Bevölkerung und Faktoren wie Ärztemangel auf dem Land.

Rembrandt weist auf die sozialen Folgen der Zuwanderung hin: In einigen Industriezweigen, die unter Fachkräftemangel litten, stiegen die Löhne nicht, weil die Arbeitgeber lieber junge, preiswerte Ingenieure aus dem Ausland einsetzten. Zugleich profitierten die Sozialsysteme in Deutschland von den Arbeitnehmern aus den anderen EU-Staaten, deren Sozialkassen fehle das Geld jedoch.

Deutschland brauche anhaltende Zuwanderung, müsse sich aber dennoch zugleich auf den demografischen Wandel einstellen. Dazu gehöre auch, mehr Geld in Bildung zu investieren. Bei den Kitas und Schulen werde wegen des Geburtenrückgangs ja automatisch gespart. "Deutschland hinkt in der Attraktivität für qualifizierte Ausländer noch ein bisschen hinterher", sagt Stadtmüller.

Nachholbedarf gebe es beim Zuzug von Familienangehörigen. Es fehlten auch klare Kriterienkataloge wie etwa in der Schweiz, den USA oder Kanada.