Dem Drang von Forschung und Industrie, mit embryonalen Zellen weitere, auch profitable Medikamente oder Heilmethoden herzustellen, hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) mit einem Urteil allerdings einen Dämpfer versetzt. Patente aufs menschliche Leben sind unzulässig, entschied das Gericht am Dienstag zu einer Klage der Umweltschutzorganisation Greenpeace.

In dem aktuellen Fall wollte der renommierte Bonner Wissenschaftler Oliver Brüstle ein Patent für ein Verfahren zur Behandlung von Parkinson anmelden. An der Schüttellähmung leiden allein in Deutschland etwa 250 000 Menschen – bislang ohne Hoffnung auf Heilung. Brüstle hatte dafür Nervenzellen gezüchtet, die kranke Neuronen im Gehirn der Patienten ersetzen oder regenerieren sollten. Ausgangsmaterial waren für den Wissenschaftler embryonale Stammzellen. Sie bilden im Embryo die Vorläufer für sämtliche Körperzellen, auch für Nervenzellen.

Diese embryonalen Stammzellen hatte Brüstle damals mit Erlaubnis der Bundesregierung aus Israel eingeführt. Dort hatte ein Ehepaar nach einer künstlichen Befruchtung fünf Tage alte überzählige Eizellen gespendet, aus welchen dann die Stammzelllinien gewonnen wurden.

An diesen Zellen dürfen Brüstle und dessen Kollegen nun europaweit zwar weiter forschen, Patente dazu anmelden dürfen sie laut EuGH in der Regel aber nicht. Begründung: Jede menschliche Eizelle ist vom Stadium ihrer Befruchtung an als „menschlicher Embryo“ anzusehen, dessen Menschenwürde geachtet werden müsse. Deshalb sei auch kein Patent auf eine Erfindung möglich, die „die Zerstörung menschlicher Embryonen erfordert“, heißt es im Urteil.

Für embryonale Stammzellenforscher in Europa ist das Urteil ein Schlag. Sie können nun nicht einmal mehr in EU-Staaten wie Großbritannien oder Schweden ausweichen, wo laut Brüstle bereits mehr als 100 auf Stammzelllinien basierende Erfindungen patentiert sind. Das Gericht betonte zwar, mit seiner strikten Definition keine medizinischen oder ethischen Fragen beantworten zu wollen, sondern nur den Begriff des „menschlichen Embryos“ juristisch auszulegen.

Doch dabei ist es in einem wichtigen Punkt inkonsequent. Es verbietet zwar die Patentierung von Forschungen an Embryonen, nicht aber die „zum Nutzen“ von Embryonen: Alle Erfindungen, die der Therapie von Krankheiten oder Missbildungen menschlicher Embryonen dienen oder „die Überlebenschancen eines Embryos verbessern“, dürfen laut Urteil ausdrücklich auch dann patentiert werden, wenn zuvor für die Gewinnung von Stammzellen befruchtete Eizellen zerstört wurden.

Mit anderen Worten: Die Pharmaindustrie dürfte auf embryonalen Stammzellen basierende Medikamente zur Behandlung von Embryonen patentieren lassen. Doch zur Behandlung der gleichen Krankheiten bereits geborener Kinder gilt dieser Patentschutz offenbar nicht.

Auf die Stammzellenforschung insgesamt wird das Urteil wohl nur begrenzten Einfluss haben. Denn inzwischen stellen Forscher geeignete Zellen aus den Stammzellen von Erwachsenen her. Abgesehen von der ethischen Unbedenklichkeit könnten damit auch Implantate aus patienteneigenen Zellen gezüchtet werden, die das Immunsystem im Gegensatz zu Produkten aus embryonalen Stammzellen als „eigen“ erkennt und damit auch nicht abstößt.