Weite Teile Europas müssen sich einer Studie zufolge auf Bevölkerungsschwund einstellen. Dabei würden sich die einzelnen Regionen extrem ungleichmäßig entwickeln, geht aus einer gestern in der Bundeshauptstadt präsentierten Untersuchung des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung hervor. Vor allem Osteuropa und Ostdeutschland, aber auch Süditalien und weite Teile Spaniens würden den demografischen Wandel nur schwer bewältigen können.
Die Bevölkerungszahl in der EU kann demnach nur mithilfe von Einwanderern stabil gehalten werden. Ohne Zuwanderer würde die Einwohnerzahl bis zum Jahr 2050 um 52 Millionen auf rund 447 Millionen Menschen schrumpfen. „Der nächste Schritt, um die Position der EU als globale demografische Kraft zu erhalten, wäre die Aufnahme der Türkei“ , erklärte das Berliner Institut.
Eine positive Entwicklung sei hingegen insbesondere in den meisten Regionen Nordeuropas, in Großbritannien und Irland sowie in Süddeutschland, Westösterreich und der Schweiz zu erwarten. Gut ausgebaute Sozialsysteme und Förderungsprogramme sorgten hier für hohe Geburtenraten und eine flächendeckende wirtschaftliche Entwicklung, hieß es weiter. Weitere Faktoren seien ein guter Bildungsstand und eine hohe Erwerbstätigkeit von Frauen.
Der demografische Wandel erzwinge eine Reihe von Reformen, für deren erfolgreiche Umsetzung es längst Vorbilder in Europa gebe, sagte Geschäftsführer Reiner Klingholz bei der Vorstellung der Studie. So zeige etwa Finnland in der Bildungspolitik, Frankreich in der Familienpolitik und die Schweiz bei der Erwerbstätigkeit von Älteren einen Weg auf. „Kein Land hat eine Patentlösung, aber es gibt überall Ansätze, wie es funktioniert.“ Die Politiker müssten sich daher außerhalb des eigenen Landes umsehen.
Die Geburtenraten Europas lägen in Europa längst nicht mehr bei „einer Zahl, wo sich die Bevölkerung stabilisieren könnte“ , sagte Klingholz. Nach der politischen Wende der Jahre 1989/90 seien vor allem im Osten die Geburtenzahlen eingebrochen. Während derzeit die durchschnittliche Kinderzahl je Frau in Deutschland in fast allen Regionen bei 1,2 bis 1,4 liege, erreiche Frankreich in weiten Teilen des Landes eine Geburtenrate von zwei Kindern je Frau. Gleichzeitig gelte für Europa: Je mehr Frauen berufstätig sind, desto höher ist in der Region die Kinderzahl sagte Klingholz.
Nach Erkenntnissen des Berlin-Instituts gibt es in den 27 EU-Staaten heute etwa sieben Prozent mehr Arbeitsplätze als noch im Jahr 1989. Gleichzeitig habe eine „neue Völkerwanderung“ innerhalb Europas eingesetzt. So seien etwa Hunderttausende junger Osteuropäer nach Irland und Großbritannien gezogen.
Dabei hätten viele Kernländer Europas ein doppeltes Mi grationsproblem: Millionen Migranten seien schlecht integriert und reichten ihre Bildungsdefizite an die nachfolgende Generation weiter. Gleichzeitig wachse in den demografisch alternden Regionen der Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern. „Länder und Regionen werden künftig ver stärkt um diese Arbeitskräfte konkurrieren“ , so Klingholz.
Während Länder wie Italien und Deutschland schon auf dem Weg des Schrumpfens seien, wachse in Staaten mit hoher Kinderzahl und Zuwanderung die Bevölkerung, wie etwa Frankreich, Irland und Norwegen, und bliebe auch in den ländlichen Gebieten stabil. Als „demografisches Krisengebiet“ bezeichnete Klingholz demgegenüber den Osten Deutschlands. Nach der Wende seien Hundert tausende abgewandert. Gleichzeitig stelle die Geburtenrate von lediglich 0,77 Kindern je Frau einen historischen Tiefstand dar.
In den Jahren 2015 bis 2020 würden verschiedene Einflüsse die Lage verschärfen, sagt die Studie voraus. Bis dahin komme im Osten die in ihrer Zahl halbierte Nachwende-Generation ins Elternalter, was zu einem weiteren dramatischen Rückgang der Kinderzahlen führen werde. 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung würden dann in Rente sein, was Steuerkraft und Kaufkraft weiter reduzieren werde. Zudem würden die Zahlungen für den Osten aus dem Solidarpakt II auslaufen. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf bis zum Jahr 2020 wieder auf 60 Prozent des West-Niveaus sinken werde. 2007 hatte es etwa 67 Prozent erreicht.
(epd/dpa/das)
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