Europa schlug in Brüssel neue Wege in der Energiepolitik ein. Sie sei "sehr zufrieden und glücklich", sagte die Ratsvorsitzende Merkel, "das wir uns zu so ambitionierten und glaubwürdigen Zielen verpflichtet haben." Doch wie weit die 27 Mitgliedstaaten auf diesem Weg tatsächlich gehen werden, blieb letztlich offen.

Estland schon heute top
Ehrgeizig oder nicht? Höchst unterschiedlich bewerteten die Gipfelteilnehmer das Ergebnis ihres Ringens: "Ich denke, es ist gut, aber nicht ehrgeizig genug", fand Estlands Ministerpräsident Andrus Ansip. Sein Land habe das Ziel von 20 Prozent erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2020 schon heute übertroffen. Hingegen verkündete EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso: "Dies ist das ehrgeizigste Paket für Energiesicherheit und Klimaschutz, auf das sich je eine Gruppe von Staaten in der Welt geeinigt hat."
Barrosos Brüsseler Behörde selbst hatte allerdings viel größere Pläne gehegt. "Was die Kommission im vergangenen Jahr zu erneuerbaren Energien vorgelegt hat, ging viel weiter", urteilte die energiepolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Europa-Parlament, Rebecca Harms. Auch die Ideen von EU-Energiekommissar Andris Piebalgs zum Energiesparen seien im Gipfelbeschluss regelrecht "abgestürzt". Immerhin habe Ratspräsidentin Merkel den Atomkurs der Franzosen und anderer gebremst: "Sie hat das Schlimmste verhindert."
Wenig Begeisterung auch bei Umweltverbänden: Der Naturschutzbund und der Deutsche Naturschutzring hatten die Kanzlerin vor dem Gipfel aufgefordert, massiv EU-Geld für erneuerbare Energien bereitzustellen. In der vergangenen Förderperiode habe die EU laut eigener Analyse von gut 200 Förder-Milliarden nur knapp 800 Millionen Euro oder 0,4 Prozent für umweltfreundliche Energie ausgegeben. 100 Milliarden bis 2013 wären möglich, wenn die EU-Staaten nur wollten. Doch davon stand nichts im Gipfelbeschluss.
Der World Wide Fund for Nature (WWF) lobte zwar die Absicht der EU-Staaten, den Ausstoß von Treibhausgasen bis zum Jahr 2020 um bis zu 30 Prozent zu senken. Nun müssten aber Gesetze und andere Maßnahmen her, "damit dieses Ziel nicht heiße Luft bleibt". Barroso versprach, die EU-Kommission werde die Gipfelbeschlüsse nach der Sommerpause in konkretere Vorschläge gießen.

Greenpeace: "Volksverdummung"
30 Prozent Einsparung beim Klimakiller Kohlendioxid verheißt die EU zudem nur, wenn andere Länder in der Welt mitziehen. Sonst gilt ein Ziel von 20 Prozent. Die Umweltorganisation Greenpeace hält auch das für "Volksverdummung". Ihr Klimaexperte Karsten Smid kritisiert: Die EU habe das Bezugsjahr so gewählt, dass längst still gelegte Fabriken in Osteuropa mit eingerechnet werden.
Merkel ficht solche Kritik wenig an. "Das ist ein qualitativer Durchbruch", erklärte die Kanzlerin zum Gipfelergebnis. Er sichere Europas Innovationsfähigkeit: Hersteller von Windrädern, Solaranlagen oder Wasserkraftwerken können auf Aufträge hoffen. Fortschritte wünscht Merkel auch bei den Sparlampen: "Sie geben nämlich noch nicht so ein helles Licht. Manchmal, wenn ich etwas auf dem Boden suche, habe ich Schwierigkeiten."