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EU will besondere Ehre für großen Europäer Helmut Kohl

Kerzen und Blumen vor dem Haus des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl in Ludwigshafen-Oggersheim – auch am Sonntag ein Ort der Trauer.
Kerzen und Blumen vor dem Haus des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl in Ludwigshafen-Oggersheim – auch am Sonntag ein Ort der Trauer. FOTO: dpa
Brüssel/Berlin. Nach dem Tod des Altkanzlers hat das Abschiednehmen begonnen. Fahnen wehen auf halbmast. Vor seinem Wohnhaus legen Menschen Blumen nieder. Verena Schmitt-Roschmann, Christiane Jacke und Jörg Blank

Jean-Claude Juncker nannte Helmut Kohl einmal "den größten Europäer, den ich im Laufe meines Lebens kennenlernen durfte". Nach Kohls Tod am Freitag war der EU-Kommissionspräsident einer der Ersten, der öffentlich um den Altkanzler trauerte. Jetzt will er dem Verstorbenen eine Ehre zuteil werden lassen, die es so noch für niemanden gab: einen europäischen Staatsakt.

Die EU ist kein Staat. Der Begriff Staatsakt ist deshalb eigentlich schief. Eine solche Trauerzeremonie im Namen der EU, wie sie nun binnen zwei Wochen im Europaparlament in Straßburg stattfinden soll, ist in den europäischen Verträgen auch nirgends vorgesehen. Es war Junckers ganz persönlicher Vorschlag zur Würdigung eines Mannes, den er auch als engen Freund und Förderer bezeichnet. Die Begründung liegt für Juncker auf der Hand. "Helmut Kohl hat das europäische Haus mit Leben erfüllt", schrieb er am Freitag zu Kohls Tod. "Ohne Helmut Kohl gäbe es den Euro nicht." Der CDU-Mann war auch einer von nur drei europäischen Ehrenbürgern - neben dem europäischen Gründervater Jean Monnet und dem früheren Kommissionspräsidenten Jacques Delors. Auch Kohl selbst habe sich eine solche Ehrung jenseits der nationalen Grenzen gewünscht, heißt es.

Der Kommissionspräsident wolle sich selbst um die Organisation kümmern und habe auch Kontakt mit der Familie Kohl, hieß es am Wochenende aus Junckers Umfeld. Die Witwe Maike Kohl-Richter soll den Vorschlag wohlwollend betrachten.

Aber auch in Deutschland dürfte es wohl eine größere Trauerzeremonie geben. Die "Bild am Sonntag" berichtet, direkt nach den Feierlichkeiten in Straßburg sei in Kohls Heimat Rheinland-Pfalz eine Totenmesse geplant - im Speyerer Dom, einem symbolträchtigen Ort in Kohls Leben. Dort suchte er als Junge im Zweiten Weltkrieg Schutz vor Fliegerangriffen, dorthin führte er später als Kanzler zahlreiche Staats- und Regierungschefs. Und dort war 2001 die Totenmesse für seine Frau Hannelore, die sich das Leben genommen hatte. Nach Angaben des Blatts soll der Sarg mit Kohls Leichnam mit dem Schiff ein Stück weit auf dem Rhein zum Speyerer Dom gebracht werden - ähnlich wie 1967 beim Trauerstaatsakt für den früheren Kanzler Konrad Adenauer.

Die Bundesregierung und das Bundespräsidialamt hielten sich zunächst bedeckt zu alldem. Das Wochenende über liefen Gespräche zwischen Berlin und Brüssel, mit der Familie und Vertrauten von Kohl. Diese sind weit gediehen, gehen zu Wochenbeginn aber weiter. Erst wenn die Abstimmung mit Kohls Witwe komplett abgeschlossen ist, dürfte die Bundesregierung offiziell bekannt geben, was genau geplant ist.

Unterdessen war das Wohnhaus von Helmut Kohl in Ludwigshafen-Oggersheim auch am Sonntag ein Ort der Trauer. Immer wieder kamen Menschen vorbei, legten Blumen ab und verharrten in Stille. Unter den Besuchern im Trauerhaus war auch der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn. Anschließend trat er in Begleitung der Witwe Maike Kohl-Richter und des früheren "Bild"-Chefredakteurs Kai Diekmann vor das Haus, um still die Blumengebinde zu betrachten.

Am Samstagabend hatten sich etwa 150 bis 200 Mitglieder der Jungen Union vor dem Wohnhaus des Altkanzlers versammelt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) trug sich im Kanzleramt in Berlin in das Kondolenzbuch für den Altkanzler ein. "Mit Helmut Kohl verlieren wir einen großen Deutschen und großen Europäer", schrieb sie.

Zum Thema:
Wie lebte Altkanzler Helmut Kohl, welche sind seine größten Verdienste für Deutschland und Europa, wie erinnern sich Zeitgenossen an ihn? Ein Dossier anlässlich seines Todes finden Sie auf lr-online.de/helmut-kohl RUNDSCHAU-Korrespondentin Christine Longin berichtet zudem, wie in Frankreich um den deutschen Kanzler getrauert wird.