"Wir haben heute erreicht, dass wir eine politische Zustimmung zur Verteilung von 160 000 Asylsuchenden bekommen", sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière im Hinblick darauf, dass erst beim nächsten Treffen mit seinen Kollegen am 8. Oktober geklärt werden soll, welches Land wieviele Menschen vor allem aus Syrien aufnimmt. "Wir haben noch nicht erreicht die Festlegung auf die Quoten", musste de Maizière einräumen; dies sei deshalb "noch weit entfernt von dem, was wir erwarten an Solidarität innerhalb der Europäischen Union".

Schon die erste von der EU-Kommission vorgeschlagene Notverordnung vom Mai, die eine verpflichtende Verteilungsschlüssel für 40 000 Flüchtlinge vorsah, war auf Druck aus Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei zur freiwilligen Vereinbarung geworden - und erst einmal gescheitert: Bis zum Stichtag Ende Juli war lediglich angeboten worden, den überforderten Ländern Italien und Griechenland etwas mehr als 32000 Asylbewerber abzunehmen. Erst auf der Sitzung am Montag gingen die letzten "Angebote" ein.

Für die zweite Notumsiedlung weiterer 120000 Menschen - einer Größenordnung, die Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) kürzlich als schon längst nicht mehr ausreichend bezeichnete - hatte auch die österreichische Ministerin Johanna Mikl-Leitner eindringlich geworben. Er ziele mit der Verteilung von 50400 und 54000 Asylsuchenden aus Griechenland beziehungsweise Ungarn speziell auf eine "Entlastung der Balkanroute", was auch den Zielländern Österreich und Deutschland helfe.

"Quoten sind keine Lösung", hatte dagegen der slowakische Minister Robert Kalinak gesagt, dessen Land gerne freiwillig helfe, aber nicht, wenn es müsse: "Erster Schritt muss sein, den Flüchtlingsstrom zu stoppen." Angesichts des tiefen Zerwürfnisses sprach die Wiener Ministerin von der "Gefahr, dass Europa scheitert". Auf allen Ebenen war deshalb am Wochenende und am Montagvormittag an der nun vereinbarten Minimallösung gearbeitet worden. Juncker etwa telefonierte mit Ungarns Premier Viktor Orban und Polens Ministerpräsidentin Ewa Kopacz. Diese beiden Länder hätten sich, so ein belgischer Diplomat, "in der Sitzung weniger scharf geäußert als zuletzt". Die Grünen-Europaabgeordnete Ska Keller sprach am Abend dennoch von einer "herben Enttäuschung", da die Innenminister nur "vage Andeutungen abgeliefert" hätten.

Tatsächlich gab es nur eine sehr konkrete Entscheidung: So sollen Länder des Westbalkans wie Albanien, Bosnien, Serbien oder Montenegro EU-weit zu sicheren Herkunftsstaaten erklärt werden - nicht jedoch die Türkei, wie Innenminister de Maizière bestätigte. Geschaut werden soll nun aber auch, ob im EU-Haushalt weitere Mittel für Jordanien, den Libanon oder eben die Türkei vorhanden sind, "damit sich dort nicht noch mehr aufmachen nach Europa", wie der Deutsche erklärte. Die Höhe der Unterstützung ist aber ebenso wenig klar wie die der Finanzhilfe für Griechenland, das sich zur Einrichtung mehrerer europäischer Registrierungs- und Aufnahmezentren bereit erklärte.

In Brüssel wurde die deutsche Ankündigung vom Vortag, vorübergehend wieder Grenzkontrollen einzuführen, als Maßnahme gewertet, um den Druck auf die osteuropäischen Länder zu erhöhen. Ohne gemeinsame Lösungen werde es einen "Dominoeffekt geben", hatte Luxemburgs Minister Jean Asselborn deshalb vor der Sitzung gewarnt: "Dann können wir Schengen vergessen." In dem Luxemburger Moselstädtchen wurde vor 30 Jahren zwischen sechs Staaten das Ende der Schlagbäume in Europa beschlossen. "Die Drohung hat", so ein EU-Diplomat, "zumindest ein kleines bisschen gewirkt."