Georgien stellte vorerst seine diplomatischen Beziehungen mit Russland komplett ein. Die russischen Botschaftsmitarbeiter in Tiflis wurden zur Ausreise aufgefordert.
Georgiens Präsident Michail Saakaschwili warf Russland vor, die gesamte Ordnung in Europa zu untergraben. Erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges versuche eine große europäische Macht, Teile eines Nachbarlandes zu annektieren, sagte Saakaschwili gestern im Deutschlandfunk.
Im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen kam es zu einem scharfen Wortgefecht zwischen Russland und dem Westen. In einer von Georgien beantragten Dringlichkeitssitzung des höchsten UN-Gremiums zum Kaukasus-Konflikt warfen die USA, Frankreich und Großbritannien Moskau am Donnerstag (Ortszeit) vor, mit der Anerkennung Südossetiens und Abchasiens gegen die UN-Charta und mehrere UN-Beschlüsse zu Georgien verstoßen zu haben. Russland konterte mit dem Vorwurf der "Doppelmoral". Wer - wie im Irak, in Afghanistan oder auf dem Balkan - selbst Gewalt anwende, könne dies nicht Russland vorwerfen, sagte der russische Vertreter Witali Tschurkin in New York.

Streit mit EU vermeiden
Russland erhofft sich vom EU-Gipfel in der Frage möglicher Sanktionen einen "Sieg der Vernunft über Emotionen". "Hoffentlich finden sich in der Europäischen Union Kräfte, die auf eine einseitige Deutung der Ereignisse in Südossetien und damit auf eine Konfrontation mit Russland verzichten", sagte der Sprecher des Außenministeriums in Moskau, Andrej Nesterenko. Ein Streit zwischen Russland und der EU wäre für keine Seite von Vorteil.
Die EU plant bei ihrem Sondergipfel eine Verurteilung Moskaus, ohne Russland jedoch weiter in die Isolierung zu treiben, wie nach einem Treffen der EU-Botschafter bekannt wurde. Sanktionen wurden öffentlich nicht gefordert. Spanien, Bulgarien, Griechenland und Deutschland lehnten solche Maßnahmen ausdrücklich ab. Auch Polens Präsident Lech Kaczynski, von dem eine entsprechende Forderung erwartet wurde, ließ durch seinen Sprecher Zurückhaltung äußern.

Maßstab Sechs-Punkte-Plan
Aus Sicht von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hängt der Verlauf des Treffens in Brüssel entscheidend davon ab, ob Russland den Sechs-Punkte-Plan zur Beilegung der Krise befolgt. Das sei nach Einschätzung der Europäer derzeit nicht der Fall, weil russische Streitkräfte in Kerngeorgien immer noch Kontrollposten unterhielten und auch in der Hafenstadt Poti präsent seien, sagte der Berliner Regierungssprecher Ulrich Wilhelm gestern Die Kanzlerin strebe "ein deutliches politisches Signal der Geschlossenheit" der EU an, fügte er hinzu.
Die Moskauer Regierung will in den Separatistengebieten Abchasien und Südossetien laut einem russischen Medienbericht dauerhaft mehrere Militärbasen einrichten. Am kommenden Dienstag werde ein entsprechendes Abkommen unterzeichnet, sagte der südossetische Parlamentsvize Tarsan Kokoity. Angaben zur geplanten Stärke der russischen Truppen gab es nicht.
Der internationale Konflikt um Moskaus Kaukasus-Politik hat bisher keine Auswirkungen auf die russischen Öl- und Gaslieferungen nach Westeuropa. Der russische Energieminister Sergej Schmatko versicherte gestern, Moskau werde "alles tun", um besonders bei der für Deutschland wichtigen Pipeline Druschba einen regulären Betrieb zu gewährleisten. Nach Angaben der Bundesregierung gibt es bisher kein Anzeichen, dass zugesagte Lieferungen nicht eingehalten werden. Der britische "Daily Telegraph" hatte aus Moskauer Wirtschaftskreisen berichtet, der russische Ölkonzern Lukoil sei angewiesen worden, einen Abbruch der Lieferungen vorzubereiten. Als möglicher Zeitpunkt wurde Montag genannt, wenn sich die EU-Staats- und Regierungschefs in Brüssel versammeln.
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