Die Substanz Chlorephedrin soll in die EU-weite Grundstoffüberwachung aufgenommen werden. Das kann in einem halben Jahr Wirklichkeit sein. Es wäre ein Durchbruch in der europäischen Drogenbekämpfung. Denn Chlorephedrin ist ein zentraler Grundstoff zur Herstellung der Droge Crystal Meth.

Die Designerdroge ist damit auf europäischer Ebene angekommen. Lange galt sie als ein Phänomen südostdeutscher Grenzkriminalität. Sachsen und Bayern sind die Bundesländer mit dem größten Crystal-Problem. Auch Südbrandenburg rückt verstärkt in den Fokus. Bayern warnte unlängst davor, hier keine rechtlichen Grauzonen entstehen zu lassen. Die Länderkollegen indes halten sich bei dem Thema noch zurück. Noch ist der Leidensdruck zu gering. Selbst der Sprecher der Bundesdrogenbeauftragten räumt ein, dass die "jahrelange Linie, das Problem Crystal nicht überzubetonen", erst langsam aufbreche.

Vom Dreiländereck Deutschland-Polen-Tschechien aus überschwemmt das Methamphetamin den deutschen Markt. Dahinter steckt ein über die Jahre optimierter krimineller Dreieckshandel. Die Rohstoffe stammen oft aus polnischen Apotheken, werden in tschechischen Garagenküchen mit Lampenöl oder Batteriesäure verkocht. Von dort aus findet das fertige weiße Pulver leicht den Weg über die Grenze nach Deutschland.

Sachsen, die erste Station der Droge auf dem deutschen Markt, meldete 2014 fast 5000 Verstöße mit Crystal Meth. Seit die Fälle dramatisch angestiegen sind, wird die Droge in der Kriminalstatistik gesondert erfasst. In den meisten anderen Ländern ist das nicht der Fall - es gibt noch keine Notwendigkeit.

In Tschechien schon verboten

Quelle der Modedroge Crystal ist vor allem Tschechien. Etliche Giftküchen fanden die Ermittler 2013 in Bulgarien und Polen, einige in Bayern und Mitteldeutschland, ein paar auch in Spanien. Doch nirgends so viele wie in Tschechien. Dort erlebt das kreuzgefährliche Crystal derzeit einen Boom unter den 15- bis 35-Jährigen. Lange blieben die dortigen Behörden lässig. Bis vor Kurzem Justizminister Robert Pelikán eine Handelsbeschränkung für Chlorephedrin anschob. Innerhalb der Tschechischen Republik ist der Handel seitdem deutlich erschwert. Bald soll ganz Europa folgen.

Das kündigte das Brüsseler Referat für chemische Industrie und Binnenmarkt der Europäischen Kommission am gestrigen Dienstag im sächsischen Verbindungsbüro an. Der Vize-Referatsleiter lud sich einfach spontan selbst ein zur Debatte über "Reaktionen, Antworten und Grenzen der Strafverfolgung von Rauschgiftkriminalität am Beispiel der gemeinsamen Bekämpfung der Modedroge Crystal Meth durch den Freistaat Sachsen und die Tschechische Republik" und machte unerwartet Hoffnung.

Chlorephedrin und Pseudo-Chlorephedrin sollen als Substanzen der Kategorie 1 in der EU-Grundstoffverordnung gelistet werden. Den entsprechenden Vorschlag will die Kommission demnach bereits am 9. November dem Ausschuss für Drogengrundstoffe unterbreiten. In Kraft treten könnte die neue Verordnung dann bereits Anfang kommenden Jahres.

Mit der Neuregelung stünde bereits der unerlaubte Besitz der Ausgangsstoffe unter Strafe. "Die Verkehrsfähigkeit des Stoffes wäre deutlich eingeschränkt", sagt Sachsens Justizminister Gemkow. "Und das Endprodukt würde sich stark verteuern." Crystal ist bundesweit nirgends so billig wie in Sachsen - und dort am billigsten in Grenznähe.

Chlorephedrin ohne Zweck

Händlern, die mit großen Mengen Chlorephedrin aufgegriffen werden, müssten dann nicht mehr mühsam kriminelle Absichten nachgewiesen werden. Denn reines Chlorephedrin hat keine Verwendung im Wirtschaftskreislauf, es kann nur zur Drogenherstellung verwendet werden. Der Stoff wird indes extrahiert aus Ephedrin, das in normalen Medikamenten wie Hustensaft steckt und keinerlei Handelsbeschränkung unterliegt. Doch es kommt Bewegung in die Sache. Die polnische Regierung will Ephedrin ab Januar 2016 strenger überwachen. Dann bekommt jeder Kunde nur noch eine Packung ephedrinhaltiger Medikamente.