Viel ist im Zuge der Ukrainekrise über die Erpressbarkeit der Europäischen Union spekuliert worden, weil sie fast ein Viertel ihres Gasbedarfs aus Russland bezieht: Nun liegt erstmals ein umfassende Untersuchung darüber vor, welche Probleme in den EU-Mitgliedstaaten sowie den angrenzenden Nachbarstaaten im Ernstfall aufträten. "Wir sind verletzbar", sagte Energiekommissar Günther Oettinger am Donnerstag in Brüssel bei der Vorstellung des sogenannten Gas-Stresstests, den der EU-Gipfel Ende Juni bei ihm in Auftrag gegeben hatte, doch würden die Ergebnisse "zeigen, dass wir auch im schwierigsten Fall zurecht kommen".

462 Milliarden Kubikmeter Gas wurden 2013 in den 28 EU-Staaten verbraucht, ein Drittel davon wurde selbst gefördert, in Großbritannien, Deutschland oder den Niederlanden etwa. Der Rest wurde importiert, wobei Russland bei den Lieferanten mit 124 Milliarden Kubikmeter vor Norwegen und Algerien auf Platz 1 liegt. Das entspricht einem Anteil von 27 Prozent. Der russische Importanteil in den EU-Staaten ist dabei unterschiedlich groß. Während vier von ihnen überhaupt kein Gas aus Russland beziehen und in 18 Staaten der Energiekonzern Gazprom einer von mehreren Lieferanten ist, haben sechs Länder bisher keinen anderen - namentlich Bulgarien, Estland, Finnland, Lettland, Litauen und die Slowakei.

Im Zuge des Stresstests haben die Mitgliedstaaten und die EU-Kommission nun untersucht, ob und wie der Wegfall der russischen Importe kompensiert werden könnte. Sie gehen dabei nur von einem 22-prozentigen russischen Importanteil aus, da zum Beispiel auch die weniger abhängige Schweiz oder die Türkei zu den Stresstest-Ländern gehörten. Dabei kommt Oettingers Mannschaft zu dem Schluss, dass mehr als drei Viertel der Lücke über eine deutliche Steigerung der Flüssiggasimporte, eine geringfügig höhere Eigenproduktion, zusätzliche Importe aus Norwegen sowie die Nutzung der gespeicherten Reserven geschlossen werden könnte. "Unsere Speicher", sagte Oettinger mit Verweis auf deren maximale Kapazität von 81 Milliarden Kubikmeter, "sind zu 90 Prozent voll."

Abgesehen davon, dass die Krisenszenarien nur einen sechsmonatigen Lieferstopp simulieren, könnte der Wegfall russischer Lieferungen aber nicht ganz kompensiert werden. Für 22 Prozent davon gäbe es keinen Ersatz, was vier Prozent des gesamten EU-Verbrauchs entspricht. Das könnte nach Ansicht von Kommissionsexperten jedoch durch "einen freiwilligen Verbrauchsverzicht oder den Wechsel zu anderen fossilen Energieträgern oder notfalls auch staatliche Eingriffe in den Markt ausgeglichen werden".

Der Stresstest, der den Gasverbrauch für die Monate September bis Februar zugrunde legte, betrachtet mehrere Szenarien. Im ersten Fall wurden die Auswirkungen während eines "normalen Winters" unter der Maßgabe untersucht, dass die EU-Staaten wie bei der letzten Gaskrise 2009 nicht kooperieren. In diesem Fall könnten in der EU Estland und Finnland ihre Haushalte nicht mehr ausreichend mit Gas versorgen, wobei die Brüsseler Kommission gerade in Finnland großes Potenzial für eine alternative Versorgung mit Biomasse ausgemacht haben will. Estland und außerhalb der EU Bosnien-Herzegowina und Mazedonien hätten der Untersuchung zufolge dann nichts zu befürchten, wenn sich die Europäer gegenseitig mit Lieferungen unterstützen würden - etwa indem Pipelines über den sogenannten "reverse flow" auch in umgekehrte Richtung genutzt oder neue Flüssiggasterminals in Litauen und Polen genutzt werden. "Im Gegensatz zu 2006 und 2009 ist die Europäische Union bei dieser Infrastruktur heute viel besser aufgestellt", so Oettinger.

Problematischer wäre das Szenario, falls es im Februar eine zweiwöchige Periode klirrender Kälte gäbe: Dann würden zusätzlich zu den auch von normalen Wintertemperaturen negativ betroffenen Ländern würden dann in weiten Teilen Osteuropas mehr als 20 Prozent des benötigten Gases fehlen, in Bulgarien und Serbien sogar mehr als 60 Prozent. Die EU-Kommission rief die Mitgliedstaaten daher auf, ihre Speicher weiter zu füllen und Bauarbeiten an grenzüberschreitenden Pipelineverbindungen zu beschleunigen. Sollte auch die Bundesrepublik den EU-Partner auf diese Weise mit Gaslieferungen zu Hilfe eilen, stünden im "Worst-Case"-Szenario auch in Norddeutschland bis zu zehn Prozent weniger Gas zur Verfügung als normalerweise.

Oettinger betonte jedoch, er werde "alles tun, damit dieser Fall nicht eintritt". So hofft er, dass die Gespräche zwischen Russlands Präsident Wladimir Putin und seinem ukrainischen Amtskollegen Petro Poroschenko in Mailand die Lage entspannen und eine Lösung der zwischen beiden Ländern strittigen Gasfrage bringen. Oettinger selbst, der seit Monaten zwischen Moskau und Kiew vermittelt, hat beide Seiten für Dienstag zu weiteren Verhandlungen nach Brüssel eingeladen. Er sei "verhalten optimistisch, dass eine Lösung für den Winter gefunden werden könne und die Gespräche nicht scheitern: Aber auch "wenn es so wäre", so Oettinger, "wären wir vorbereitet."