"G.Verheugen" steht in weißer Schrift auf dem Blaumann, den der 62-jährige EU-Kommissionsvizepräsident gestern in Rietz gegen seinen Anzug wechselte. An einer Stabbearbeitungsmaschine für Aluminiumfenster suchte er einen Tag lang Unternehmenserfahrung. Ganz so, wie er sie allen seinen Brüsseler Spitzenbeamten verordnet hat. Sie müssen eine ganze Woche lang in einem europäischen Betrieb als Praktikanten richtig arbeiten. "Nicht so wie ich - ein bisschen gezeigt kriegen und dann so tun als ob", schmunzelt Verheugen.
Der Unternehmenschef der Metallbau Windeck GmbH in Rietz vor den Toren der Stadt Brandenburg an der Havel, Klaus Windeck, zeigt sich zufrieden mit Verheugen. "Er wird zwar nicht die abgeschlossene Gesellenprüfung machen, zumindest ist er aber erstmal interessiert, und das ist das Wichtige", sagt er.

Sorgen um den Mittelstand
Windeck ist ein mittelständisches ostdeutsches Unternehmen, das europaweit Aufträge einsammelt. Es hat sich auf Stahl- und Aluminiumprofile spezialisiert, die für den Fenster- und Fassadenbau benötigt werden. Die eigentümergeführte Firma beschäftigt knapp hundert Mitarbeiter. Wie der Betrieb arbeitet, wird zu einem wesentlichen Teil auch von den Regeln beeinflusst, die in Brüssel gemacht werden. Unternehmen dieser Größe beschäftigen europaweit mehr Mitarbeiter als die Großindustrie.
Verheugen will mit seinem Praktikum deutlich machen, dass er sich nicht nur um die Großindustrie, sondern auch um die Sorgen des Mittelstandes kümmert. Die ersten 60 EU-Spitzenbeamten haben den Arbeitseinsatz bereits hinter sich. "Es war ungeheuer positiv, es lernen beide Seiten", sagt der EU-Kommissar. Die Beamten "merken, was das, das sie sich ausgedacht haben, in der Praxis wirklich bewirkt." Verheugen hofft auf Nachahmer.
"Normalerweise streiten sich ja alle Politiker nur rum", zeigt sich Metallarbeiter Bianco Jagielski beeindruckt vom EU-Kommissar an der Fräse. "Aber wenn mal jemand wirklich herkommt, der sich auch anguckt, wie das alles ist, was hier passiert und wie schwer das auch alles ist, das finde ich gut", sagt der 22-jährige Brandenburger, der als Lehrling bei Windeck startete und seit sechs Jahren im Betrieb ist.

Hohes Ausbildungsniveau
Windecks größtes Problem: Die hohen Lohnnebenkosten in Deutschland führen dazu, dass der ostdeutsche Mittelständler mit Konkurrenten aus osteuropäischen Ländern preislich nicht Schritt halten kann. "Wir haben in München einen größeren Auftrag bearbeitet und am Ende ging der Auftrag doch nach Ungarn", sagt der 65-jährige Chef, der in der vergangenen Woche seinen Abschied als langjähriger Präsident der Potsdamer Handwerkskammer nahm. Win decks Plus ist das hohe Ausbildungsniveau seiner Mitarbeiter. Einerseits hat er dadurch höhere Kosten, andererseits ist es im Kampf um Aufträge ein Wettbewerbsvorteil. "Ich hoffe, dass der Eindruck, den er mitnimmt, dazu beiträgt, dass wir die Qualifizierung künftig in den Mittelpunkt stellen", erwartet der Firmenchef vom EU-Kommissar.
Verheugen weiß, dass Mittelständler wie Windeck nur dann eine Zukunftschance haben, wenn sich ihre Mitarbeiter in einem sich wandelnden Markt sehr schnell auf anspruchsvolle neue Produktionsmethoden einstellen können. "Noch vor zwei Jahren haben die hier völlig anders gearbeitet", nimmt Verheugen als Erfahrung mit nach Brüssel. "Ich sehe nicht, dass das hohe Ausbildungsniveau, das in der Tat teurer ist als anderswo, zu einem Nachteil für die deutsche Wirtschaft geworden wäre", zieht er Bilanz. "Ganz im Gegenteil, das ist ein absolutes Plus im Wettbewerb."