Der Gipfel am Sonntag in Brüssel war so etwas wie das Vorgeplänkel. Mit Hochdruck bereitet die EU den Schuldenschnitt für Griechenland vor - entschieden aber wird erst am Mittwoch.

Der Gläubigerverzicht werde "Richtung 40 bis 50 Prozent gehen", sagte der österreichische Kanzler Werner Faymann dem "Wiener Kurier".

In drei Tagen soll dann das finale Gesamtpaket zur Eindämmung der Schuldenkrise verabschiedet werden. Dazu gehört neben dem Schuldenschnitt für Griechenland ein Programm zur Bankenrekapitalisierung, ein Hebel für den Rettungsfonds EFSF sowie ein Fahrplan in Richtung einer europäischen Wirtschaftsregierung. Um dieses Ziel zu erreichen, könnten Vertragsänderungen "kein Tabu sein", sagteBundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Neue Milliarden nötig

Dass für Griechenland ein Kurswechsel kommen muss, ist spätestens seit Freitag klar: Der neueste Troika-Bericht bezifferte die Finanzlücke auf 252 Milliarden Euro bis 2020. Das würde einen Forderungsverzicht von 60 Prozent notwendig machen, um den Schuldenstand Griechenlands bis 2020 auf 110 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung zu drücken. Laut Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker herrscht Einigkeit, dass der Anteil der Banken gegenüber den im Juli vereinbarten 21 Prozent "erheblich" steigen muss. Der belgische Ministerpräsident Yves Leterme sagte, die Vorschläge gingen "ziemlich weit".

Banken kündigen Widerstand an

Die Banken kündigten prompt Widerstand an. Die Vertreter der Euro-Staaten und Geldhäuser seien "nicht einmal in der Nähe einer Einigung", sagte der Geschäftsführer des Internationalen Bankenverbandes (IIF), Charles Dallara.

Dagegen scheint der Rahmen für eine Rekapitalisierung der Banken weitgehend abgesteckt. Die Staats- und Regierungschefs müssten dies aber noch absegnen.

Damit die Banken für den möglichen Schuldenschnitt gerüstet sind, wurde ein dreistufiges Vorgehen bei der Bankenrekapitalisierung verabredet: In einem ersten Schritt sollen die Institute versuchen, sich am Markt selbst mit frischem Geld zu versorgen. Scheitert dies, müssen die Staaten einspringen. Erst wenn die Regierungen selbst überfordert sind, kann der Euro-Rettungsfonds EFSF angezapft werden. Frankreich konnte seine Forderung nach einer pauschalen staatlichen Finanzspritze für die Institute nicht durchsetzen.

Eine Einigung zeichnete sich auch im Streit über einen Hebel für den Rettungsschirm EFSF ab. Zwei Varianten wurden erwogen: Eine davon sieht nach Informationen der Nachrichtenagentur dapd vor, das Euro-Ausland anzupumpen.

Vor dem Brüsseler Gipfel am Sonntag wurde die Tonart ruppiger. Der niederländische Premierminister Mark Rutte griff Athen scharf an. "Es war inakzeptabel, wie die Dinge in Griechenland außer Kontrolle geraten sind", sagte er. "Wir sind alle unglaublich verärgert, dass wir Geld in diese Sache stecken müssen. Wir müssen sicherstellen, dass wir die idiotische Situation in Ordnung bringen. Jeden Monat müssen wir uns hier treffen, um dies zu besprechen."

Rutte verlangte klare Entscheidungen, "die unseren Geldbeuteln nützen, die gut sind für unsere Arbeitsplätze und unsere Renten". Seit Juli sei die Lage in Griechenland "dramatisch schlechter" geworden, "obwohl wir gedacht hatten, dass wir sie in Ordnung gebracht hätten", kritisierte Rutte.

Athen verlangt Respekt

Der gescholtene Premier Giorgos Papandreou verteidigte sich vehement: "Griechenland hat immer wieder bewiesen, dass wir die richtigen Entscheidungen treffen, um unsere Wirtschaft nachhaltig und gerechter zu machen." Er verlangte "Respekt für das, was wir tun". Griechenland nehme seine Verantwortung wahr, unter großen Schmerzen ein anderes Land zu werden, sagte Papandreou.

Zum Thema:

Zum ThemaIn diesen Punkten wurde eine Annäherung erzielt: Griechenlands kurzfristiger Finanzbedarf: Die Euro-Finanzminister gaben die nächste Rate der internationalen Hilfskredite frei. Nun muss noch der Internationale Währungsfonds (IWF) grünes Licht geben, damit die acht Milliarden Euro bis Mitte November nach Athen überwiesen werden können. Griechenlands langfristiger Finanzbedarf: Die Troika aus IWF, EU-Kommission und Europäischer Zentralbank (EZB) erwartet, dass Griechenland noch zehn Jahre Finanzhilfen braucht. Die Euro-Finanzminister stellten daher klar, dass sie ein neues Paket schnüren wollen, das eine angemessene "Kombination von zusätzlicher öffentlicher Finanzierung und der Beteiligung des Privatsektors vorsieht". Szenario für einen Ausweg: Wenn private Gläubiger Athens auf die Hälfte ihrer Forderungen verzichten, kann der Schuldenstand Athens demnach bis 2020 auf 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gedrückt werden. Bisher war ein Verzicht von nur 21 Prozent vorgesehen. Die Euro-Länder müssten bei dieser Rechnung 114 Milliarden Euro bereitstellen, anstatt wie bisher geplant 109 Milliarden Euro. Kapitalrücklagen der Banken: Die Finanzminister entwarfen einen Plan, nachdem die Finanzinstitute bis Mitte kommenden Jahres ihre Rücklagen um insgesamt 108 Milliarden Euro aufstocken sollen. So soll ihr Risikopuffer (Eigenkapitalquote) auf neun Prozent erhöht werden. Annäherung beim Hebelmodell: Die Eurogruppe machte Fortschritte in der Frage, wie durch einen "Hebeltrick" die Mittel im Euro-Rettungsfonds eine größere Wirkung entfalten können. Statt der anfänglich sieben Modelle, liegen jetz nur noch zwei auf dem Tisch. AFP/sm