"Mit dem Plastinarium, wo auch die Entstehung der Präparate vorgeführt wird, setzt er diese Entwicklung fort." Die 2500 Quadratmeter große Schau in einer Ex-Fabrik wird am 16. November eröffnet. Die Evangelische Kirche hat aus Protest eine Mahnwache angekündigt.
Tabubrüche seien nicht notwendigerweise gut oder schlecht. "Es hängt davon ab, ob das Tabu begründet ist oder nicht", meinte Stoecker. "In von Hagens' Ausstellungen wird aber ohne Not und gesellschaftlichen Nutzen die Würde der toten Menschen missachtet." Die Ausstellungen lebten sogar davon, dass dieser Tabubruch begangen werde. "Ohne den voyeuristischen Kitzel würde sich das niemand anschauen", betonte Stoecker.

Der Wissenschaftler sieht in dem Vorgehen von Hagens', der in Heidelberg das Institut für Plastination leitet, sogar ein besonderes gesellschaftliches Risiko. "Der Erfolg von solchen Tabubruch-Veranstaltungen wird - wie man auch in der TV-Serie "Big Brother"über das Leben im Container gesehen hat, schnell abgenutzt." Und dann würden immer mehr Tabus gebrochen.

Bald könne er möglicherweise weitere Reize und Tabubrüche anbieten. "Er hat ja sogar schon vorgeschlagen, den 2005 gestorbenen Papst Johannes Paul II. zu plastinieren, was aber abgelehnt wurde", sagte der Wissenschaftler. "Vielleicht gelingt es ihm bald, den ersten Popstar oder den ersten Sportler mit Haut und Haaren auszustellen."

Da jeder Tabubruch zeitlich begrenzt sei, halte er die Expansion des "Körperwelten"-Projektes durch das Plastinarium in Guben ethisch für riskant, bemerkte Stoecker. "Ich befürchte, dass damit zunehmend eine Verwahrlosung der Sitten beim Umgang mit toten Menschen Einzug hält. Das finde ich gefährlich, und deshalb sollte überlegt werden, den Anfängen zu wehren."

Gunther von Hagens hatte das alte Rathaus im Mai 2006 von der Neißestadt gekauft, nachdem die Stadtverordneten zuvor im April grünes Licht gegeben hatten. Die seit 2005 geplante Einrichtung hatte die Stadt Guben monatelang gespalten. Heftige Kritik kam von einem neu gegründeten Aktionsbündnis für Menschenwürde. Von Hagens beschäftigt derzeit 40 Mitarbeiter in Guben, darunter einige aus Polen. Künftig sollen es etwa 200 werden. In Sanierung und Umbau des Gebäudes steckte der Plastinator bisher 1,5 Millionen Euro und will weiter investieren.

Das Plastinarium hat eine Fläche von 2500 Quadratmetern. Zum Beginn des Rundganges erhält der Besucher Einblick in die Geschichte der Anatomie und die Entwicklung der Plastination. Es schließt sich die 1000 Quadratmeter große Werkstatt an, wo Mitarbeiter unter den Augen der Besucher Unterrichtspräparate herstellen und von 2007 an auch große Tierplastinate. Zum Schluss sollen in einem Schauraum Lehrpräparate gezeigt werden. Das wohl spektakulärste Stück ist eine Pokerrunde plastinierter Menschen, die im neuen James-Bond-Film "Casino Royale" zu sehen sein wird.

Für deutschlandweiten Wirbel sorgte von Hagens, als er mit Verständnis auf die Schädelfotos in Afghanistan reagierte und allen Bundeswehrsoldaten freien Eintritt ins Gubener Plastinarium zusicherte.

Hintergrund: Plastination

Bei der Plastination werden Leichen je nach dem späteren Verwendungszweck präpariert. Zuerst pumpen die Spezialisten nach Angaben des Heidelberger Instituts für Plastination eine Formalin-Lösung durch die Arterien und Gefäße des toten Körpers. Dann spülen sie das Blut im Körper aus, töten die Bakterien ab und stoppen somit die Verwesung. Anschließend werden Haut, Gewebe oder Körperteile entfernt und diejenigen Bereiche freigelegt, die am fertigen Präparat dargestellt werden sollen.

Anschließend wird der Körper entwässert, wobei die Körperflüssigkeit durch Aceton ersetzt wird. Dieses Lösungsmittel beseitigt alle Konservierungsstoffe und Fett. Das durchtränkte Präparat wird in einer Vakuumkammer in ein Silikonbad gelegt. Dort siedet das Aceton und wird zugleich abgesaugt. Durch den Unterdruck dringt die Kunststofflösung in jede Zelle des Körpers ein. Kopf, Gliedmaßen, Torso, Muskeln und exponierte Körperteile werden dann fixiert und das Silikon gehärtet. Insgesamt dauert es etwa ein Jahr, um ein Ganzkörperplastinat herzustellen.