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| 01:03 Uhr

„Es war ein seltsames Gefühl . . .“

Es gibt nicht mehr viele Zeitzeugen, die vor sechzig Jahren bei dem Nürnberger Prozess dabei waren. Einer von ihnen ist der frühere DDR-Geheimdienstchef Markus Wolf, der als Reporter für den Berliner Rundfunk berichtete. Ein anderer ist der heute 82-jährige Richard Sonnenfeldt. Er war Chefdolmetscher der amerikanischen Anklage. Als 22-Jähriger saß er vor NS-Verbrechern, vor denen er 1938 als jüdischer Junge aus dem deutschen Gardelegen fliehen musste. Das Tribunal in Nürnberg, das am 20. November 1945 begann, markierte einen Meilenstein in der Geschichte des Völkerrechts. Erstmals wurde ein ganzer Staats- und Machtapparat für einen Massenmord zur Verantwortung gezogen. Von Bernd-Volker Brahms

Richard Sonnenfeldt spricht mit einer fast heiseren Stimme. Nach mehreren Schlaganfällen ist er an den Rollstuhl gefesselt. Sein unaufgeräumter Schreibtisch ist voll mit Unterlagen. Der 82-Jährige lebt im Nobelort Port Washington auf Long Island in der Nähe von New York. Nur wer es zu etwas gebracht hat, kann es sich leisten, hier zu wohnen. Das weiße Holzhaus liegt ganz in der Nähe eines Yachthafens. „Ich bin immer ein Getriebener des Schicksals gewesen,“ erzählt Richard Sonnenfeldt. Als er mit 70 Jahren mit dem Segelboot den Atlantik überquerte, sei dies das erste Abenteuer seines Lebens gewesen, in das er nicht hineingestoßen wurde. Jüdischer Flüchtling, in England als Ausländer interniert und nach Australien verschifft, gelangte er später in die USA. Dort wirkte er als Elektroingenieur maßgeblich an der Entwicklung des Farbfernsehens mit.
Eine ganz besondere Ironie des Schicksals war seine Tätigkeit als Dolmetscher beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Als einfacher amerikanischer Soldat habe er im Frühjahr 1945 in Salzburg unter einem Panzerfahrzeug gelegen, als ihm mitgeteilt wurde, dass General Bill Donovan einen Übersetzer brauche. Noch mit Öl verschmierter Uniform habe er vorsprechen müssen. Der 22-Jährige musste zur Probe bei der Befragung eines deutschen Untergrundkämpfers übersetzen. Der General nahm den jungen Mann, dessen gesamte jüdische Familie 1938 aus Deutschland geflohen war, mit nach Paris ins Hauptquartier des amerikanischen OSS, der Vorgängerorganisation des CIA. Von Frankreich aus wurde die amerikanische Anklage vorbereitet. Erst im Juli 1945 spielten sich dann die Vorbereitungen für den Prozess in Nürnberg ab, ehe dieser im November eröffnet wurde. Richard Sonnenfeldt stieg zum Chefdolmetscher auf und hatte plötzlich 50 Dolmetscher, Stenografen und Schreibmaschinenkräfte unter sich.

Konfrontiert mit seinen Verfolgern
"Es war ein seltsames Gefühl, plötzlich vor den Menschen zu sitzen, die der Grund für meine Flucht aus Deutschland waren", sagt Richard Sonnenfeldt. Die erste Nazigröße der er begegnet ist, sei Hermann Göring gewesen. Trotz Entzugs habe dieser immer noch dick und mit Drogen voll gepumpt ausgesehen. Er habe sich förmlich ins Zimmer geschleppt. Der Vernehmer habe Göring nach seinem Namen gefragt, erzählt Sonnenfeldt. Dieser habe mit "Generalfeldmarschall Hermann Göring" geantwortet. Als Sonnefeldt dies ohne dessen Amtsbezeichnung übersetzt habe, sei Göring ihm aufgeregt dazwischengefahren. "Herr Göring, ich stelle hier die Fragen", habe er ihm entgegnet und sich damit Respekt verschafft. Göring habe es nach kurzer Zeit zu schätzen gewusst, dass übersetzt wurde, denn das habe ihm Gelegenheit zum Nachdenken gege ben. "Er war mir nicht einmal unsympathisch", erzählt Sonnenfeldt. Erst als ihm durch zahlreiche Dokumente die Verbrechen Görings deutlich wurden, habe sich seine Einstellung geändert.
General Donovan habe sehr geschickt gefragt, meist nach dem, was er bereits wusste. So habe er die Mauer des Leugnens schrittweise durchbrechen können. Er legte Göring zum Beispiel Dokumente vor, die dieser unterschrieben hatte. Er habe dabei nur wissen wollen, ob es die eigenhändige Unterschrift sei. Später habe er ihn dann erst mit den Inhalten konfrontiert. Das Hauptverfahren gegen Nazigrößen sowie sechs Organisationen wie SS, SA und Gestapo dauerte 218 Verhandlungstage. Das Urteil, das am 30. September und 1. Oktober 1946 verkündet wurde, enthielt zwölf Todesurteile, unter anderem gegen Hermann Göring, Joachim Ribbentrop, Wilhelm Keitel, Alfred Rosenberg und Martin Bormann. Lebenslänglich erhielt neben anderen Rudolf Heß. Besonders glimpflich kam Reichsminister Albert Speer davon, der 20 Jahre Gefängnis bekam. Sogar drei Freisprüche hat es gegeben.

Albert Speer wurde geschont
Es sei das große Rätsel gewesen, warum der US-Chefankläger Robert Jackson Hitlers Lieblingsarchitekten Albert Speer nicht schärfer ins Kreuzverhör genommen und dessen Schuld an den Verbrechen belegt habe, sagt Richard Sonnenfeldt. Für ihn gebe es nur zwei Erklärungen dafür. Entweder sei Jackson nach dem langen Prozess mürbe gewesen oder er habe sich von dem Teilgeständnis Speers beeindrucken lassen. Weder Göring noch Hjalmar Schacht, Präsident der Reichsbank, seien zu einem Geständnis zu bewegen gewesen. Speer hatte "als Mitglied der Regierung" vor Gericht eine Mitverantwortung eingeräumt, jedoch damit gleichzeitig eine persönliche Schuld abgelehnt. Bis zu seinem Tod 1981 hatte er beharrlich geleugnet, dass er etwas von der Judenvernichtung in den Lagern in Osteuropa gewusst habe. Diese Unschuldsbehauptung wurde von Historikern jedoch mittlerweile widerleg t.
"Wenn man mir unmittelbar nach dem Krieg gesagt hätte, dass in den Konzentrationslagern 20 000 Menschen ums Leben gekommen waren, dann hätte ich das geglaubt", sagt Richard Sonnenfeldt. Es habe Monate gedauert, bis sich das Monströse des Verbrechens abgezeichnet hätte, sagt er. Eigentlich sei dies erst erfolgt, als KZ-Kommandant Rudolf Höß im Mai 1946 im Prozess als Zeuge aussagte. Dieser habe von 2,5 Millionen Ermordeten allein im KZ Auschwitz gesprochen.
Höß sei derjenige beim Prozess gewesen, der die Beobachter am meisten entsetzt habe, so Sonnenfeldt. Er habe den Prototypen eines willfährigen Handlangers abgegeben. Höß berichtete, dass er einmal einen SS-Mann in ein Lager bringen ließ, weil dieser sich am Zahngold der umgebrachten Menschen bereichert habe. Eine derartige Verfehlung habe er im Sinne der Lagerordnung nicht durchgehen lassen können. Auf die Frage, ob er sich nicht auch selbst bereichert hätte, habe Höß geantwortet: "Wofür halten Sie mich?"In Zahlen Mit dem Beginn des Nürnberger Prozesses am 20. November 1945 hatten sich 22 von 24 Hauptkriegsverbrechern Nazi-Deutschlands vor der Welt zu verantworten. Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess ist eines der umfangreichsten Verfahren der Rechtsgeschichte. Das Protokoll umfasst vier Millionen Wörter in 22 Bänden mit insgesamt 15 000 Seiten. Innerhalb von elf Monaten wurden 236 Zeugen gehört. Rund 300 000 eidesstattliche Erklärungen und 5330 Dokumente wurden zu den Akten genommen. Zur Vorbereitung des Prozesses baute der Organisator, US-Bundesrichter Robert Jackson, eine eigene Behörde mit 1000 Mitarbeitern auf. Während des Prozesses übersetzten jeweils zwölf Dolmetscher simultan in die Sprachen Englisch, Französisch, Russisch und Deutsch. Ein Heer von Sekretärinnen war mit der Prozessdokumentation befasst und versank – wie historische Fotos zeigen – zeitweise bis zu den Füßen in Papier. Zu den Beweismitteln zählen 7300 Meter Film und 2000 Meter Bildnegative. Den Angeklagten standen 27 von ihnen frei gewählte Hauptverteidiger und 54 Assistenten zur Verfügung. Bis zu 350 Journalisten und Autoren – teils namhafte Schriftsteller wie Erich Kästner und Hans Habe – berichteten von der Verhandlung. Als Zuschauer zu den Prozessen wurden nur geladene Gäste zugelassen. Die Angeklagten waren im angrenzenden Gefängnis untergebracht. Sie wurden streng bewacht. Posten beobachteten sie fast ohne Unterbrechung in ihren Einzelzellen , was dennoch die Selbstmorde von Hermann Göring und Robert Ley nicht verhindern konnte. Zur Bewachung von Gefängnis und Justizpalast boten die vier alliierten Siegermächte eine kleine Streitmacht auf. (dpa/kr)