Den Begriff "Oberstaatsanwalt" hört der multifunktionale Jurist aus Tau berbischofsheim nicht gern. Tatsächlich ist er als DOSB-Chef, IOC-Vizepräsident, Vorsitzender der IOC-Disziplinar-Kommission und Vorsitzender der juristischen Kommission im IOC im Dauereinsatz. Mit routinierter Leichtigkeit arbeitet er seine lange Terminliste ab, unterstützt von zwei Assistenten und drei verschiedenen Handynummern.
Nach der achtstündigen Sitzung der Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) war die Eröffnungsgala der 120. IOC-Vollversammlung gestern Abend der nächste wichtige Termin.
Bach delegiert, diszipliniert und deklariert. "Die Internet-Situation war ein ernsthaftes Problem", gab er nach der für ihn und IOC-Präsident Jacques Rogge "überraschenden" Zensur durch die chinesischen Olympia-Macher zu. Vor Olympischen Spielen gebe es immer "Last-Minute-Probleme". Das nicht gehaltene Versprechen von Rogge, der "unzensierten Internet-Zugang" zugesichert hatte, wertet Bach nicht als Niederlage: Rogge stehe unangefochten an der Spitze des IOC. Er habe die volle Unterstützung des IOC und der Exekutive und hat alle Autoritäten.
Bach befürchtet weder atmosphärische Störungen durch Sicherheitsparanoia der Gastgeber noch eine gigantische Propaganda-Show der Chinesen. "Es sind keine chinesischen Spiele, es sind Olympische Spiele in China", stellt der 54-Jährige klar. Trotz der schwierigen Kommunikation mit den Chinesen und der offensichtlichen Machtlosigkeit des IOC in gewissen Fragen betont er, China habe das IOC bisher nicht verändert. Dafür diene "die Öffnung Chinas auch der Menschenrechtssituation" im bevölkerungsreichsten Land der Erde.
Ganz unpolitisch könne das IOC sowieso nicht sein, aber "die olympische Bewegung muss weiter versuchen, politische Neutralität zu wahren", meint Bach, "sonst kann sie leicht ins Fahrwasser jeder politischen Krise geraten." Gerade nach den politischen Diskussionen im Vorfeld sei die Rekord-Teilnahme von 205 Ländern in Peking "ein Wert an sich".
Zu Medaillen-Hochrechnungen für das 438-köpfige deutsche Team lässt er sich nicht hinreißen. Da die Medaillenbilanz seit Barcelona 1992 für die deutsche Mannschaft stets bergab ging, sagt der Optimist Bach: "Ich bin zuversichtlich, dass der Abwärtstrend gestoppt wird."
Ausführliche Berichte zu
Olympia in Peking lesen Sie: www.lr-online.de/olympia-2008