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"Es lohnt sich, anständig zu sein"

Die deutsch-polnische Aussöhnung war Wladyslaw Bartoszewski eine wirkliche Herzenssache.
Die deutsch-polnische Aussöhnung war Wladyslaw Bartoszewski eine wirkliche Herzenssache. FOTO: dpa
Warschau. Er war Zeitzeuge, Vorbild, Versöhner: der ehemalige polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski. Am heutigen Montag sollte er vor Kanzlerin Merkel sprechen. Trotz seines hohen Alters von 93 Jahren kam die Todesnachricht überraschend. Eva Krafczyk

Selten sagt man beim Tod eines 93-Jährigen, er sei mitten aus dem Leben gerissen worden. Aber Wladyslaw Bartoszewski, der am Freitagabend nach einem Schwächeanfall starb, war so ein Mensch: rastlos bis zum Schluss.

Noch vor wenigen Tage sprach der ehemalige Außenminister am Denkmal der Warschauer Getto-Kämpfer über den einsamen Aufstand der Warschauer Juden vor 72 Jahren; heute sollte seine Ansprache die deutsch-polnischen Regierungskonsultationen abschließen. Die polnische Regierungschefin Ewa Kopacz kündigte an, sie werde den letzten Text Bartoszewski bei dem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrem Kabinett vorlesen.

Mit seiner erstaunlichen Energie hatte Bartoszewski alle, die ihm begegneten, regelmäßig überrascht: Er ging zwar auf einen Stock gestützt, bewegte sich aber mit bemerkenswertem Tempo auf den langen Korridoren der Warschauer Regierungskanzlei, wo er bis zuletzt als Berater für den internationalen Dialog ein Büro hatte. Der Mann, den viele nur den "Professor" nannten, sprach druckreif und in einem Staccato-Tempo, oft leidenschaftlich und mit hinter der dicken Hornbrille blitzenden Augen.

Was für ein langes, ereignisreiches Leben: Der zweimalige polnische Außenminister des demokratischen Polens war als "Gerechter unter den Völkern" Ehrenbürger Israels. Ein ehemalige Auschwitz-Häftling, der zu den Brückenbauern der Versöhnung mit Deutschland gehörte. Ein Untergrundkämpfer, dessen meist geschätzte Waffe das Wort war, als Publizist und Historiker. Ein gläubiger Katholik, der den Dialog mit dem Judentum suchte, lange bevor das in Polen selbstverständlich wurde.

"Es lohnt sich, anständig zu sein", lautete ein Lebensmotto des 1922 geborenen Bartoszewski. Die Erfahrungen als Auschwitz-Häftling mit der Lagernummer 4427 und in stalinistischen Gefängnissen konnten ihn nicht brechen. Dass er zu den letzten Zeitzeugen gehörte, stachelte ihn an: Die Erinnerung musste schließlich weitergegeben werden. "Seien wir ehrlich, Augenzeugen wie mich gibt es schon bald nicht mehr", schrieb er in seinem jüngsten, auch in deutscher Sprache veröffentlichten Buch "Mein Auschwitz". "Was bleibt, sind unsere Geschichten. Ihr tätet gut, Schlüsse daraus zu ziehen."

Nach Auschwitz war Bartoszewski als Zufallsopfer gekommen, verhaftet bei einer Razzia, wie so viele junge Polen. Nach seiner Entlassung im April 1941 schloss er sich der polnischen Widerstandsbewegung an. Er studierte im Untergrund und gehörte zu den Gründern der "Zegota", einer Widerstandsgruppe, die Hilfe für Juden organisierte.

Im Warschauer Aufstand kämpfte er gegen die Nationalsozialisten, erlebte die völlige Zerstörung seiner Heimatstadt. So wie er im Zweiten Weltkrieg in der Widerstandsbewegung aktiv war, engagierte er sich nach 1945 in der polnischen Demokratiebewegung. Mehr noch - er war einer der Wegbereiter der deutsch-polnischen Aussöhnung, suchte schon früh den Dialog mit Deutschland.

In Polen galt Bartoszewski, der am 4. Mai auf dem Warschauer Militärfriedhof Powazki beigesetzt werden soll, als moralische Instanz. "Ein großer Pole, und ein großer Mensch", würdigten ihn nach Bekanntwerden der Todesnachricht politische Freunde, aber auch einstige Gegner.