Zweimal hat Innenminister Thomas de Maizière (CDU) seine Prognose über die Zahl der zu erwartenden Flüchtlinge in diesem Jahr schon anheben müssen. Zuletzt Ende August auf die damals als Schock empfundene Zahl von 800 000. Jetzt mehren sich die Spekulationen, dass es deutlich mehr werden könnten - bis zu 1,5 Millionen allein 2015.

SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi sagte am Montag in Berlin, die offizielle Prognose der Bundesregierung sei nicht zu halten: "An 800 000 Flüchtlinge im Jahr 2015 glaubt kein Mensch mehr." Aus Sicht der SPD sei es wichtig, "wie wir die Geschwindigkeit des Flüchtlingsstroms verringern können".

Die Zahl 1,5 Millionen nannte am Wochenende der mecklenburgische Innenminister Lorenz Caffier (CDU) als seine "persönliche" Schätzung. Sie ist laut einem Bericht der "Bild"-Zeitung auch in einem internen, als vertraulich gekennzeichneten Papier von Bundesbehörden enthalten.

Demnach werde allein für das letzte Quartal mit 920 000 Antragsstellern gerechnet. Zum Vergleich: Bis August waren es insgesamt in diesem Jahr "nur" 231 000 - ohne jene, die noch darauf warten, ihren Asylantrag stellen zu können. Es drohe ein "Zusammenbruch der Versorgung", heißt es angeblich in dem Papier.

Im Innenministerium wurden diese Angaben am Montag nicht bestätigt. Man kenne ein solches Papier nicht, hieß es. Allerdings wiederholte das Ministerium auch nicht seine bisherigen Schätzzahlen. Die Bundesregierung setze darauf, dass die beschlossenen Maßnahmen - die besseren Kontrollen entlang der griechisch-türkischen Grenze sowie Verbesserungen für die Flüchtlingslager um Syrien herum - ihre Wirkung zeigten. Auch könne man die September-Zahlen nicht einfach hochrechnen, da der Zustrom im Winter erfahrungsgemäß abflaue.

Am 4. September waren die Grenzen nach Deutschland für Flüchtlinge aus Ungarn und Österreich komplett geöffnet worden. Genauere Zahlen für September will de Maizière im Laufe der Woche veröffentlichen. Im August hatten 33 000 offiziell einen Asylantrag gestellt. Der große Zustrom hielt auch in den vergangenen Tagen an.

Am vergangenen Freitag verzeichnete die Bundespolizei allein in Bayern 6750 Neuankömmlinge, am Sonnabend seien es 6000 gewesen. Die wirkliche Zahl dürfte aber deutlich höher liegen, da nur ein Teil der Einwanderer von den Behörden an der Grenze erfasst wird oder sich überhaupt registrieren lässt.

Zunehmend wird von Innenpolitikern in Bund und Ländern die Sorge geäußert, dass man die Kontrolle und den Überblick über die Entwicklung verliere. Gleichzeitig wird die Versorgung immer schwieriger. Von einem drohenden "Unterbringungsnotstand" hatte vergangene Woche bereits Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) gesprochen, auch andere Länder hatten Alarm geschlagen.

Der Vizepräsident des Deutschen Städtetages und Oberbürgermeister von Nürnberg, Ulrich Maly, sagte am Montag hingegen, für dieses Jahr sei die Zahl verkraftbar. Jedoch gehe es "sicher nicht, dass man noch zehn Jahre Menschen in dieser Größenordnung aufnimmt".