"Als ich mich innerlich wirklich entschieden hatte, konnte ich mir wirklich
etwas Neues aufbauen."„Viele Gäste sind in
meinem Alter. Die wissen, dass sie sich vor mir nicht wegen ihrer Falten
schämen müssen.“


Es kommt nicht oft vor, das Menschen jenseits der 50 noch eine Arbeit angeboten bekommen. Noch viel seltener ist es, das diese Menschen dann gegen den Strom, aus der Hauptstadt in den Spreewald ziehen. Ellen Rudnick packt gerade ihre Umzugskartons - um mit 58 ihren Lebensmittelpunkt endgültig von Berlin in die Lausitz zu verlegen.
In ihrem ersten Leben hatte die Finanz-Ökonomin und Soziologin an der Humboldt-Universität geforscht, dann der Familie wegen pausiert. Sie ließ sich als Physiotherapeutin ausbilden, „aus Neigung, für das eigene Wohlbefinden und weil es mir wichtig ist, anderen etwas Gutes tun zu können“ . Manchmal, das gibt sie zu, habe sie anfangs schon etwas Angst vor der eigenen Courage gehabt, zeitweilig auch versucht, zurück in ihren alten Beruf zu kommen. „Doch als ich mich innerlich wirklich entschieden hatte, konnte ich mir wirklich etwas Neues aufbauen.“ In einem Institut am Alexanderplatz lehrte sie Wellness-Anwendungen und Physikalische Therapie. „Und dort stellte dann der Geschäftsmann Stefan Kannewischer das Konzept für seine geplante Spreewald Therme vor.“ Ellen Rudnick gefielen die Pläne. Sie nahm allen Mut zusammen, bewarb sich beim Unternehmen - mit dem zaghaften Zusatz: „Wenn die Therme öffnet, bin ich 57 . . .“ Sie lächelt noch heute beim Gedanken an damals.
Der Chef persönlich habe ihr versichert, wenn sie damit kein Problem habe - ihn würde es nicht stören. Und so konnte sie schon in den Monaten vor Eröffnung der Burger Therme ihren künftigen Arbeitsplatz mitgestalten.
Die Atmosphäre sollte stimmen, ebenso die Arbeitsbedingungen für die Masseure. Im Kräutergarten in Burg traf sich die Wellness-Expertin mit Kräuterkundigen der Region. „Gemeinsam sind wir darauf gekommen, welche heimischen Pflanzen für unsere hauseigenen Pflegeprodukte infrage kommen.“ So gibt es heute einen Badezusatz und Kräuterpackungen mit Algen, wie sie in den Fließen der Spree vorkommen. Leinkuchen aus der Straupitzer Ölmühle reichert Duschbad und Bodylotion an und ein eigenes Massageöl mit Lein- und Mandelöl sowie Beinwell wirkt wohltuend auf Haut und Gelenke. „Es war unheimlich spannend“ , so Ellen Rudnick, „in dieser Planungsphase dabei sein zu können. Ich habe mir andere Thermen des Hauses angeguckt, konnte vier Wochen in Bad Kissingen mitarbeiten und mir ein Team aus Leuten zusammenstellen, die ich teilweise schon aus Berlin kannte.“
Heute leitet sie eine Abteilung mit zehn Mitarbeitern, die in Schichten von neun bis 22 Uhr an Wannen und Massagebänken stehen.
„Wir haben gut zu tun“ , sagt die Wellness-Leiterin, „da ist es ganz wichtig, dass im Team die Chemie stimmt. Denn wir leisten nicht nur körperlich sehr anstrengende Arbeit.“ Schon im ersten Moment fühle man, woran man mit einem Kunden sei. Man müsse sich auf jeden neu einlassen, erspüren, wann man reden oder schweigen soll.
„Damit der Kunde sich perfekt entspannen kann, müssen wir vorher und nachher so gut organisiert sein, dass kein Handgriff mehr ablenkt von der eigentlichen Anwendung.“ Und gerade bei diesen kleinen Details käme ihr das eigene Alter zu Gute. „Ich sehe automatisch, wenn irgendwo Handtücher fehlen oder etwas aufzuräumen ist. Außerdem kann ich sehr gut einschätzen, was ich leisten kann und wo meine Grenzen liegen.“ Auch den Kunden gefalle es, nicht immer nur „von jungen Schönheiten mit Idealfigur“ umsorgt zu werden. „Viele Gäste sind in meinem Alter. Die wissen, dass sie sich vor mir nicht wegen ihrer Falten schämen müssen.“ So hat Ellen Rudnick auch bei ihren Mitarbeitern darauf geachtet, dass die Altersspanne möglichst groß ist. „So haben wir eine optimale Mischung aller Fähigkeiten im Team.“
Ein Jahr ist seit der Eröffnung der Therme vergangen. Aus Aufbruchstimmung ist Routine geworden, der Einjahresvertrag wurde gerade in einen unbefristeten Arbeitsvertrag umgewandelt. „In meinem Alter ein Fünfer im Lotto“ , sagt Ellen Rudnick. Selbst ihr Mann hat sich überzeugen lassen, der Hauptstadt den Rücken zu kehren und mit seiner Frau gemeinsam im Spreewald sesshaft zu werden. „Unsere Söhne wohnen sowieso im Land verstreut. Und sie sind froh über meine Aufgabe hier. Sie wissen schließlich am besten, wie gern ich bemuttere und betüddele.“ Man sieht der Wellness-Chefin an, wie gut ihr die Arbeit im Spreewald tut. Wache Augen, eine positive Ausstrahlung, trotzdem ein kleines „Aber“ .
„Ob ich wirklich bis 65 an der Massagebank stehen kann, weiß ich nicht“ , gibt sie offen zu. „Aber wenn dazu irgendwann die Kraft nicht mehr reicht, findet sich vielleicht ein Bereich im Unternehmen, in dem ich meine Erfahrungen noch einbringen kann.“
Was sie selbst tut, um zu entspannen und gesund zu bleiben? Die Wellness-Chefin lächelt. „Schwimmen. Vor der Arbeit hier in der Therme. Da ziehe ich meine Bahnen durch, kriege den Kopf frei und den Körper in Schwung.“