| 02:44 Uhr

"Es hat gebrannt, das war's"

Tröglitz ist ein idyllischer kleiner Ort im Burgenlandkreis. Und seit Ostern steht das Dorf für die Fremdenfeindlichkeit in der Provinz.
Tröglitz ist ein idyllischer kleiner Ort im Burgenlandkreis. Und seit Ostern steht das Dorf für die Fremdenfeindlichkeit in der Provinz. FOTO: Schauff
Tröglitz. Fast malerisch im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt gelegen, ist das 2700-Seelen-Dorf Tröglitz spätestens seit dem Brandanschlag auf eine geplante Flüchtlingsunterkunft zum Inbegriff der fremdenfeindlichen Provinz geworden. Die Tröglitzer aber wirken weniger hasserfüllt, sondern vielmehr verängstigt. Daniel Schauff

"Das waren keine Tröglitzer", sagt die Frau, die gerade aus dem Einfamilienhaus in der Tröglitzer Ernst-Thälmann-Straße kommt. Tröglitzer machen so etwas nicht, sagt sie. Man kenne sich hier in dem 2700-Einwohner-Nest unweit von Zeitz im fast idyllischen Burgenlandkreis. Die Täter müssen von außerhalb sein, die Frau ist sicher. Ihr Zuhause liegt nur ein paar wenige Schritte von dem ansehnlichen Mehrfamilienhaus auf Tröglitz' kleiner Hauptstraße entfernt. Der Putz: frisch gestrichen. Das Grundstück: grün. Ein netter Platz zum Wohnen, würde im Dach des Hauses nicht ein riesiges Brandloch klaffen. Der Blick der Nachbarin geht nur kurz in Richtung Dachstuhl des gegenüberliegenden Hauses. "Schrecklich", sagt sie. Ihren Namen will sie nicht nennen. Zu viele Journalisten trieben sich im kleinen Tröglitz herum, seit am Ostersamstag noch unbekannte Täter das Mehrfamilienhaus in Brand gesetzt haben. 40 Flüchtlinge sollten hier im Mai einziehen.

Seit dem Anschlag ist der Ort ein neues Symbol für die Fremdenfeindlichkeit in der ostdeutschen Provinz. In einer Reihe stehe der Ort im Burgenland nun mit Hoyerswerda und Mölln, hatte Ex-Ortsbürgermeister Markus Nierth nach dem Anschlag gesagt. Ein Vergleich, der den so beschaulich wohnenden Tröglitzern missfällt.

Etwas mulmig sei es ihr schon gewesen, als es hieß, dass 40 alleinstehende Männer aus fremden Ländern in das Mehrfamilienhaus gleich auf der anderen Straßenseite ziehen würden, sagt die Anwohnerin. Familien, das wäre in Ordnung gewesen. Aber Männer . . . Die Frau hat es eilig, grüßt auf dem Weg in Richtung Auto noch schnell den Nachbarn. "Heute wieder gejoggt?", fragt sie. Der Nachbar bleibt stumm, blickt finster, will nichts sagen und verschwindet im Haus. 40 alleinstehende Männer - Gerüchte haben es leicht in Tröglitz.

Nur ein paar Meter weiter arbeitet eine ältere Frau im Vorgarten ihres Häuschens. Ab und zu schaut sie in Richtung der Absperrung, die Fußgänger und Radfahrer vor noch herunterfallenden Teilen des verbrannten Hausdachs schützen soll. "Ganz schlimm" sei das, was hier passiert ist, sagt sie. "Wenn sie die kriegen, die müssten sie . . ." Die Frau spricht nicht weiter. Häuser zu besprühen und zu beschmieren, das wäre ja nicht so schlimm. Aber in Brand setzen? "Das macht man nicht", sagt sie. Immerhin seien noch zwei Leute in dem Haus gewesen, als es in Flammen aufging. "Wissen Sie, die Frau kriegt Hartz IV", sagt die Seniorin, so, als sei der Anschlag allein deshalb noch grausamer. Wie es der Frau geht? Sie sei jetzt in einem Hotel untergekommen. Man sehe sich noch hin und wieder auf der Straße, sprechen tue man nicht über den Ostersamstag. "Aber wie man so hört, geht es ihr gut." Den Umständen entsprechend.

"Wir haben hier nur einfache Gartentürchen", sagt die Frau im Vorgarten auf die Frage, ob es ihr unangenehm gewesen wäre, in Sichtweite zur Flüchtlingsunterkunft zu wohnen. Gegen Ausländer habe sie nichts, bekräftigt sie. Nicht, wenn sie sich wie Deutsche benehmen. Und nicht, wenn es echte Flüchtlinge sind. "Aber man weiß ja nie", sagt sie. "Und wo kommen Sie eigentlich her?"

Als das Haus auf der anderen Seite zu Ostern in Flammen stand, lag sie mit ihrem Mann im Bett. Sirenen habe sie gehört, habe erst gedacht, es brenne irgendwo anders im Dorf. Dann sei sie doch aufgestanden und habe gesehen, wie sich die Feuerwehr auf der Thälmannstraße aufstellte, um den Brand zu löschen. "Leg dich wieder hin", habe ihr Mann zu ihr gesagt. Wie sie heiße? "Wissen Sie, was mein Mann mir erzählen würde?", sagt sie. Seit Ostern sind die Tröglitzer namenlos.

"Das wird Tröglitz so schnell nicht los", sagt Rolf Karlstedt, Sprecher der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Süd und zuständig für den Burgenlandkreis. Der Ex-Ortsbürgermeister Markus Nierth hatte das Gleiche gesagt, kurz nach dem Feuer. Da war er bereits zurückgetreten, hatte dem Druck der Rechten nachgegeben, die eine Demonstration genau vor seinem Haus enden lassen wollten. Nierth wollte Schutz für sich und seine Familie, bekam ihn aber nicht. Der Ex-Bürgermeister hatte gleich nach dem Brand angekündigt, zwei Wohnungen zur Verfügung zu stellen, in denen Flüchtlingsfamilien ersatzweise unterkommen können. Der Landrat Götz Ulrich (CDU) sagt, dass trotz allem Flüchtlinge nach Tröglitz kommen werden - bis zu zwölf. Dezentral untergebracht. Öffentlich gemachte Wohnraumangebote gibt es außer dem von Nierth offiziell keine. Und in einem Zeitungsinterview hat Landrat Ulrich bereits gesagt, dass er für die Sicherheit der Flüchtlinge in Tröglitz nicht garantieren könne.

Ein kleiner Supermarkt am Tröglitzer Friedensplatz dient einer Handvoll Männern als Treffpunkt. Geredet wird nur leise, zu viele Fremde treiben sich im Ort rum. Einer der Männer sitzt auf der Bank. Er hat zu viel Bier getrunken, um noch gerade stehen zu können. Ein anderer hält ebenfalls eine Flasche Bier in der Hand, ist aber noch mit dem Rad unterwegs. "Nichts" wolle er zu dem sagen, was hier vor ein paar wenigen Tagen geschehen ist. "Es gibt Sachen, über die redet man besser nicht", sagt er. Warum? Das sei halt so. Das alles würde viel zu sehr hochgespielt, sagt er. Sein Kompagnon dreht sich weg, als habe er Angst, erkannt zu werden. Die ganzen Journalisten, die ganze Polizei. Das sei nervig, sagt der junge Mann mit dem Rad.

Es sind Dutzende Polizisten, die sich am Friedensplatz einfinden, um sich abzusprechen, um mit dem Polizeirevier in Weißenfels und dem Landeskriminalamt in Magdeburg in Kontakt treten zu können. Der Parkplatz, auf dem sonst die Einkäufer und Bankkunden parken, ist kaum groß genug für die Einsatzwagen der Ermittler. In vielen Straßen stehen weitere Wagen. Tröglitz ist derzeit das vielleicht sicherste Dorf Deutschlands. Es könne ja sein, dass die Täter wiederkommen, die Brandruine beschmieren oder vollständig niederbrennen wollen, sagt Polizeisprecher Karlstedt. Seit Samstag sind seine Kollegen 24 Stunden am Tag vor Ort, sichern das beschädigte Haus in der Thälmannstraße. Nun wird auch eine Videoüberwachung genutzt, um das Geschehen beobachten zu können. Einige Kollegen ziehen durch die Straßen, gehen von Haustür zu Haustür, um nach Hinweisen zur Tat zu fragen. "Bei uns waren sie auch", sagt der junge Mann, der sich - gemeinsam mit zwei Freunden aus dem Nachbarort - auf eine der Bänke zwischen Supermarkt und Polizei-Einsatzzentrale gesetzt hat, um das Geschehen zu beobachten. "Das ist Wahnsinn", sagt der Tröglitzer. Er wohne ein paar Straßen hinter der Thälmannstraße, vom Brand habe er nichts mitgekriegt. "Am Morgen war es schon verbrannt", sagt er. Wer das gewesen sein könnte? "Keine Ahnung. Keiner von hier." Das habe er auch der Polizei gesagt.

Zwei Filmteams sind an diesem Nachmittag in Tröglitz unterwegs, eines aus Mainz, eines aus Großbritannien. "Da wird nicht gefilmt!", ruft ein Mann quer über die Straße, als der Kameramann eine Aufnahme vom Fußballfeld des Turn- und Sportvereins Tröglitz macht. Der Verein will Flüchtlingen Sportangebote machen. Der Mann flucht laut. "Ja, das nervt", sagt er. "Es hat gebrannt, das war's." Ihn interessiere es nicht, wer das gewesen ist. Das sei unwichtig. Es habe einfach nur gebrannt. Mehr nicht.

Außer einem anonymen offenen Brief, der am Ortseingang neben Vereins- und Kirchenterminen aushängt und auf dem steht, dass weder Landkreis noch Bürgermeister etwas dafür könnten, dass Flüchtlinge nach Tröglitz kommen, zeugt ein paar Hundert Meter abseits der Brandruine nur wenig von dem Anschlag an den Ostertagen. Viele der 2700 Tröglitzer sind in ihren Gärten beschäftigt - das Frühjahr bricht über den Burgenlandkreis herein. Sie ignorieren die Polizisten und Journalisten, die durch die Straßen laufen. Keine Schmierereien auf Hauswänden, keine Plakate, auf denen "Tröglitz bleibt bunt" oder Ähnliches steht. Es wirkt beinahe so, als sei nichts geschehen. Keine Thor-Steinar-Jacken, keine Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln und keine T-Shirts mit fremdenfeindlichen Aufdrucken. Tröglitz sieht nicht aus wie ein "brauner Sumpf".

Im südlichsten Zipfel des Örtchens, wo die Eigentumshäuser schmucker und größer werden, wo die beeindruckende Kirche steht, wo Markus Nierth wohnt, stehen ein paar kleine Tonfiguren mit schwarzer Hautfarbe auf dem Torbogen zu einem Grundstück. Ein überraschendes Bild in einem Dorf, dessen Name der neue Inbegriff des Fremdenhasses geworden ist. Vor Ort aber wirkt dieser Fremdenhass vielmehr wie eine Angst vor allen, die nicht hierher gehören. Journalisten. Polizisten. Und eben auch Flüchtlingen.