Ein Hochhaus macht noch keine Hochhaussiedlung, aber Hoffnung. An der Brackestraße in Leipzig-Grünau soll ein neuer

14-Geschosser wachsen. 42 Meter hoch, 60 neue Zweiraumwohnungen. An genau der Stelle, wo vor sieben Jahren ein Elfgeschosser mit 275 Wohnungen in Schutt versank. Mit dem Rückbauprogramm Stadtumbau Ost wurde damals auf den Einwohnerschwund reagiert - jetzt reagiert die Lipsia Wohnungsgenossenschaft auf die gestiegene Nachfrage. Die Mieter können sich auf große Gemeinschaftsterrassen und einen Conciergedienst freuen. Allerdings: Der Bau beginnt erst 2017, wenn die zehnjährige Schutzfrist für die Abrissfördermittel endet.

Sachsens einstmals größte Großwohnsiedlung muss sich neu erfinden. In den 70ern auf die grünen Wiesen westlich der Stadt gestellt, sollten dort die Arbeiter der nahen Chemiekombinate komfortabel und zeitgemäß wohnen. Die zu besten Zeiten 85 000 Einwohner fühlten sich als Grünauer privilegiert. Sie hatten nicht nur eine Neubauwohnung ergattert, sie wohnten in einer der boomenden Siedlungen der DDR - neben Berlin-Marzahn und Halle-Neustadt. Das Hochgefühl endete in den 90ern, als immer mehr junge Leute weg wollten aus der Platte und aus Grünau.

Seitdem verlor die Siedlung mit ihren acht Wohnkomplexen fast die Hälfte der Einwohner. Die DDR-Behörden hatten die Wohnungen an junge Arbeiterfamilien vergeben - mit ihnen wird das Gros der Siedlung alt. Leerstand und absinkende Sozialstruktur taten ihr Übriges. Gerade mal 40 400 Einwohner blieben übrig. Stadt und Wohnungsgenossenschaften behalfen sich mit Aufhübschung. Mehr Grün, mehr Freiflächen und altersgerechte Wohnungen milderten den Einwohnerverlust zuletzt ab. Eine Lösung bot der Stadtumbau. Bis 2010 fielen fast 7000 Grünauer Wohnungen unter der Abrissbirne. 16 16-Geschosser wurden nicht mehr gebraucht und knickten schließlich ein. Grünau verlor so auch noch seine Landmarken. Wer heute zeitgemäß, modern und hip wohnen will, zieht in den Plagwitzer Altbau mit Parkettboden und hohen Decken. Dieser Trend hält schon länger an, wird indes langsam durch steigende Mieten wieder in die Randbereiche gedrängt.

Eine Chance für die Platte. Bis 2020 soll in Grünau großzügig weiter ausgedünnt werden, so sieht es ein entsprechendes Strategiepapier aus dem Rathaus vor. Nur so könne "die Verkleinerung des Stadtteils zum Nutzen der verbleibenden Bestände und der Bewohner bewältigt werden", heißt es da. Nun kommt indes ein neuer Boom dazwischen. Im Schatten des 16-Geschossers der Lipsia baut zudem die Wohnungsgenossenschaft Transport (Wogetra) ab nächstem Frühjahr eine Senioren-City mit an die 190 Wohnungen. Die Pläne stellten Wogetra, Arbeiterwohlfahrt (Awo) und die Baugenossenschaft Leipzig in der vergangenen Woche vor. Das insgesamt 16 Millionen Euro schwere Projekt konzentriert sich auf zwei heruntergekommene Elfgeschosser, die überwiegend leer stehen. In die Ladenzeilen der Erdgeschosse will die Awo mit Sozialstation, Tagespflege und Begegnungsstätte einziehen.

Für die jüngere Mieterschaft entstehen ab nächstem Jahr 56 günstige Wohnungen am Lindenauer Hafen. Das Quartier wird gerade für wassernahes Wohnen und allerlei Bootsvergnügen entwickelt. Grund für die Genossenschaft Konkakt, knapp sechs Millionen Euro für eine Reihe von Dreigeschossern in die Hand zu nehmen. Nahe dem Kulkwitzer See, einem ehemals stadtnahen Tagebauloch, feierte vor wenigen Tagen die Lipsia-Genossenschaft Richtfest für drei neue Mietshäuser mit 50 Wohnungen. Das acht Millionen Euro teure Projekt trägt den vielversprechenden Namen "Kulkwitzer See-Terrassen".