ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:03 Uhr

„Es gibt nichts zu beschönigen“

Unter Druck: Obwohl selbst früher IM spielte Gerhard Printschitsch in einem Stück zur Stasivergangenheit mit, ohne sich vorher zu erklären.
Unter Druck: Obwohl selbst früher IM spielte Gerhard Printschitsch in einem Stück zur Stasivergangenheit mit, ohne sich vorher zu erklären. FOTO: Foto: Behnke
Vor wenigen Tagen gab es in der Cottbuser TheaterNative C eine szenische Lesung. Das Stück „Die Besucher“ von Peter Krüger befasste sich mit dem zerstörerischen Wirken der Staatssicherheit. Der Autor war in der DDR über lange Zeit von zahlreichen Zuträgern bespitzelt worden. Bei der Aufführung stand auch der Leiter des kleinen privaten Theaters, Gerhard Printschitsch mit auf der Bühne. Was weder Mitspieler noch Publikum wussten: Printschitsch war selbst jahrelang ein Spitzel der Stasi. Von Simone Wendler


 „Es gibt
nun mal
diesen entsetzlichen schwarzen Fleck in meinem
Leben.“
 Gerhard
Printschitsch


Gerhard Printschitsch ist sichtlich nervös. Erst nach einer Anfrage der RUNDSCHAU hatte er seine Mitarbeiter zusammengerufen, um ihnen zu sagen, dass er für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) als „inoffizieller Mitarbeiter“ (IM) gearbeitet hat. Jetzt sitzt er in seinem geräumigen Büro und versucht, mit seiner Vergangenheit reinen Tisch zu machen.
„Ich will mich nicht rechtfertigen, nichts beschönigen, es gibt nun mal diesen entsetzlichen schwarzen Fleck in meinem Leben“ , sagt der Theaterchef. Als damals noch überzeugter Kommunist und in der Hoffnung, die DDR verändern zu können, habe er sich 1979 als IM verpflichtet. Schnell habe er jedoch Gewissensbisse bekommen und gemerkt, dass politische Veränderungen so nicht möglich seien.

Abenteuerlust und Geldmangel
Von da an habe er versucht sich zurückzuziehen, habe jedoch Angst gehabt, dass die Staatssicherheit ihn von seiner Familie in der DDR trennen würde. Die noch vorhandenen Stasiakten erzählen zum Teil eine etwas andere Geschichte.
Gerhard Printschitsch ist Österreicher und kam als Schauspieler mit dem Pass der Alpenrepublik in die DDR. Er heiratete in Cottbus, wurde Vater. Durch seinen österreichischen Pass hatte die DDR für ihn offene Tore. So oft er wollte, konnte er nach Westberlin oder Westdeutschland reisen. Er hatte Kontakt zu Leuten, die aus der DDR geflohen oder ausgereist waren, darunter ein ehemaliger Cottbuser Arzt und ein Schauspieler. Deshalb wurde die Stasi auf Printschitsch aufmerksam.
Zunächst wurde er selbst vom MfS „aufgeklärt“ , das heißt gründlich beobachtet und überprüft. Nach einigen ersten Treffen wird im Januar 1979 aus Gerhard Printschitsch der IM „Kurt Schönfeld“ . Als Motive für seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit vermutet die Stasi neben der Überzeugung auch Abenteuerlust und Geldknappheit.
Die Verwendung für „Kurt Schönfeld“ ist klar. Er soll bei seinen ständigen Westreisen vor allem ehemalige DDR-Bürger auskundschaften, ihre noch bestehenden Kontakte in den Osten und mögliche neue Fluchtpläne aufdecken. Auch in seiner Heimat Österreich soll „Kurt Schönfeld“ spitzeln.
Printschitsch macht mit, ohne zu zögern. Das MfS ist laut Akten zunächst auch zufrieden mit ihm: „(Er) . . . nahm zum ehemals ausgeschleusten DDR-Bürger . . . persönlichen Kontakt auf und konnte Informationen über den vermutlichen Schleusungsweg erarbeiten. . . . Des weiteren gab . . . (er) Hinweise zu operativ-interessanten Personen, welche . . . in der DDR angesiedelt sind.“ Einige Informationen, die „Kurt Schönfeld“ liefert, werden an die Abteilung XX des MfS weitergereicht, die sich mit oppositionellen Künstlern befasste.
Bis Mitte der 80er-Jahre nimmt Printschitsch auch Geld vom MfS. Beträge in Ost- und Westwährung zwischen zehn und 600 Mark, insgesamt ein paar Tausend. Doch schon nach wenigen Jahren trübt sich das Verhältnis des MfS zu Gerhard Printschitsch. In einem Bericht zum Stand der Zusammenarbeit beklagt der Geheimdienst, dass der IM das Geld, das ihm die Stasi gibt, nicht für die Erfüllung seiner Aufträge, sondern privat ausgibt und immer wieder Geld fordert, irgendwann sogar mal einen festen Monatslohn.
Printschitsch versichert heute, dass er diese Forderung nicht ernst gemeint habe. Ebenso bestreitet er den Inhalt von Aktenvermerken, wonach er von der Staatssicherheit vielfach Unterstützung gefordert habe, bei der Suche nach einer Wohnung, einem Job und anderen privaten Problemen. Aus den Unterlagen geht andererseits hervor, dass er den Geheimdienstlern Vorwürfe macht, sie seien für Dinge, die in seinem Leben schief gingen, verantwortlich. In der Akte des IM „Kurt Schönfeld“ gibt es jedoch keine Hinweise dafür, dass der Geheimdienst hinter seinem Rücken gegen ihn gearbeitet hat.
Treffen der Staatssicherheit mit Printschitsch finden laut Akten, wenn auch immer seltener, bis Anfang 1989 statt. 1986/87 plant die Stasi sogar noch, Printschitsch zur Anwerbung von Spitzeln im Westen einzusetzen. Zum Schluss schimpft der immer offener und intensiver über die DDR und will sich nicht mehr mit seinem Führungsoffizier treffen. Im August 1989 gibt das MfS „Kurt Schönfeld“ endgültig auf. Wegen „rückläufiger Erfüllung von Aufträgen“ und seiner inzwischen „offen ablehnenden Haltung“ zur DDR wird die Akte bei der Stasi-Bezirksverwaltung Cottbus archiviert.
Warum er nicht schon früher seine IM-Tätigkeit öffentlich machte, kann Gerhard Printschitsch nicht sagen. Seine Augen wandern unruhig hin und her, während er mehrmals zu einer Antwort ansetzt, die dann jedoch ausbleibt. Dass es eine absurde Situation gewesen sei, dass er als ehemaliger IM, von dem seine Mitspieler nichts wussten, am vorigen Wochenende in einem Stück zur Stasiproblematik auf der Bühne stand, sei ihm nicht bewusst gewesen, sagt Printschitsch.

Fehlende Erklärung
Peter Krüger, dem Autor und Stasi-Opfer, will Printschitsch vor einigen Monaten reinen Wein eingeschenkt haben. Krüger bestreitet das heftig. Wenn er das vorher gewusst hätte, hätte er das Stück nicht mit Printschitsch auf die Bühne gebracht. „Theater lebt von Glaubwürdigkeit“ , sagt Krüger, „so etwas geht nicht, besonders nicht bei einer so hoch moralischen Sache wie dieser.“ Er ist besonders schockiert, weil bei den Proben noch ausführlich über die Stasi diskutiert worden sei, ohne dass Printschitsch seine Vergangenheit offenbart habe.
„Ich habe in der Zusammenarbeit mit der Stasi Dinge an mir entdeckt, von denen ich nicht wollte, dass sie sich weiterentwickeln“ , sagt Gerhard Printschitsch heute rückblickend über seine Arbeit als IM und fügt hinzu: „Die Stasi war innerhalb der DDR die unmenschlichste Institution, die man sich in einer Gesellschaft vorstellen kann.“