Wie erklären Sie sich die Spannungen mit Polen„
Einige Themen stellen eine Dauerbelastung im deutsch-polnischen Verhältnis dar: die Diskussion um ein Zentrum gegen Vertreibungen, die Bestrebungen der Preußischen Treuhand, früheren Besitz von Vertriebenen zurückzuklagen, die Sorge der Polen, dass die polnische Kultur in Deutschland kaum gefördert wird und die Ostsee-Pipeline. Hinzugekommen ist jetzt die Absicht Polens, zusammen mit den USA ein Raketenabwehrsystem zu stationieren.

Das könnte man alles auch als normale Sachthemen betrachten. Warum dieser scharfe Ton“
Der Ton ist sicher nicht normal. Auch mit Frankreich gibt es hier und da Auseinandersetzungen. Trotzdem werden diese Interessenunterschiede immer wieder überwunden. Im Verhältnis zu Polen spielt das schreckliche Verbrechen, das die Deutschen unter dem Nationalsozialismus an den Polen begangen haben, bis heute eine Rolle. Die Empfindlichkeiten dort sind groß, und das kann ich zum Teil auch verstehen.

Spielt auch mangelndes Selbstbewusstsein gegenüber Deutschland eine Rolle„
Das ist sicher so. Auf der anderen Seite gibt es aber tatsächlich ein ungleiches Interesse aneinander. Die Polen wissen mehr über Deutschland, als die Deutschen über Polen wissen. In Hamburg gibt es zum Beispiel 90 000 Menschen mit polnischem Hintergrund. Da müsste es doch möglich sein, wenigstens in einigen Schulen auch Polnisch anzubieten.

Durch die von der Preußischen Treuhand erhobenen Rückgabeansprüche fühlt sich Polen bedroht.
Die Preußische Treuhand ist eine winzige Minderheit, die selbst unter den Vertriebenen von den allermeisten abgelehnt wird. Sie hat nichts, aber auch gar nichts mit offizieller Politik zu tun, wie unsererseits gegenüber Polen mehrfach versichert wurde. Polen sollte seine Kritik diesbezüglich relativieren.

Die Präsidentin der Vertriebenen-Verbände, Erika Steinbach (CDU), hat die polnischen Regierungsparteien mit rechtsextremen Parteien in Deutschland verglichen. Zu Recht“
Der Vergleich mit Neonazi-Parteien ist ein Skandal gegenüber einem Land, das unter dem Faschismus gelitten hat wie kein anderes in Europa. Frau Steinbach ist nicht die Person, die es schaffen kann, auch in Polen ein Verständnis für das Recht der Vertriebenen auf Trauer zu wecken. Sie diskreditiert die Anliegen der Vertriebenen. Deswegen darf es keinerlei öffentliche Gelder für ihr Projekt eines Zentrums gegen Vertreibungen geben.

Was kann Angela Merkel tun, um das Verhältnis zu entspannen?
Sie weiß, wie wichtig das Verhältnis zu Polen ist und wird nichts unversucht lassen, um deutlich zu machen, dass wir eine gute Zusammenarbeit wollen. Sie wird sicher Angebote zum Thema Energiesicherheit und überhaupt zu einer besseren Zusammenarbeit machen. Sie wird aber auch die Bitte aussprechen, dass über die Raketenabwehr im Rahmen der EU und der Nato gesprochen wird. Wir alle in Europa, auch Polen, können kein Interesse daran haben, in außen- und sicherheitspolitischen Fragen gegeneinander ausgespielt zu werden.

Mit ANGELICA SCHWALL-DÜREN
sprach Werner Kolhof

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