In Lieberose hat es in dieser Woche eine äußerst knappe Entscheidung in der Stadtverordnetenversammlung gegeben. Als darüber abgestimmt wurde, ob die Stadt einen Antrag um Aufnahme ins angestammte sorbische Siedlungsgebiet stellen soll, stimmten drei Stadtverordnete dafür, drei enthielten sich und vier waren dagegen.

Für die Domowina - Bund Lausitzer Sorben - war das Ergebnis überraschend. "Die Ablehnung schien zunächst fast unausweichlich", schildert Ute Henschel, die Niederlausitzer Regionalsprecherin, die Situation in den Wochen zuvor. Und dann habe es nur an einer Stimme gelegen. Dass bei den Stadtverordneten ein Umdenken eingesetzt hatte, ist aber auch Ute Henschel zuzuschreiben.

Denn sie hat den Lieberosern aufgezeigt, dass ihnen niemand etwas überhelfen wolle. Als Mitglied des Sorbenrates im Potsdamer Landtag hat sie eine Dokumentation angefertigt und im Stadtparlament vorgetragen, die so manchen aufhorchen ließ. Darin hat sie auf den slawischen Ringwall ebenso verwiesen wie auf die sorbisch-wendische Kirche im Ort, in der es bis 1900 sorbische Gottesdienste gegeben habe.

Zudem listete sie auf, welche Orts-, Flur- und Familiennamen sorbischen Ursprungs sind. "In Lieberose gibt es ein Drittel wendische Namen, und in der Grundschule wird Sorbischunterricht angeboten", sagt Henschel.

Der Verweis auf die sorbisch-wendischen Wurzeln und die Zeugnisse von Kultur, Sprache und Tradition der slawischen Minderheit bis in die Gegenwart sind an den Stadtverordneten nicht spurlos vorbeigegangen. Ein Grund mehr für den Sorbenrat, mit der Dokumentation selbst den Antrag um Aufnahme von Lieberose ins Siedlungsgebiet zu stellen.

"Ein gemeinsamer Antrag ist immer besser", sagt Sorbenrats-Vize Markus Koinzer. Mit Lübben, Calau oder Wiesengrund sei dies auch gelungen. Das neue Sorben/Wenden-Gesetz Brandenburgs sieht aber beide Möglichkeiten vor. Stellt der Sorbenrat allein den Antrag, wird dieser im Kulturministerium daraufhin geprüft, ob die gesetzlichen Vorgaben erfüllt sind. Trifft dies zu, wird der Hauptausschuss des Landtages eingeschaltet. Gibt es zwischen dem Parlamentsgremium und dem Ministerium Einvernehmen, erfolgt der Bescheid zur Aufnahme des Ortes. In Sachsen hat übrigens das Sorbische Institut eine Karte des Siedlungsgebietes erarbeitet, die dann vom Landtag beschlossen wurde.

Bis zum Ablauf der Antragsfrist Ende Mai stehen dem Sorbenrat noch hartnäckige Debatten bevor. Denn in Senftenberg, Forst, Neuhausen, Märkische Heide und im Amt Unterspreewald stehen Stadtverordneten- und Gemeindevertreter-Beschlüsse noch bevor. "Wir werden auch dort - wie in Lieberose - unsere Sicht erläutern", betont Ute Henschel mit dem Verweis auf die zurzeit überwiegend ablehnende Haltung.

Dass mit der Aufnahme ins Siedlungsgebiet finanzielle Belastungen auf die Kommunen zukommen könnten, ist dabei nicht mehr das alleinige Gegenargument. Denn der Mehraufwand etwa für zweisprachige Beschilderung wird vom Land getragen. "Sorbisches Leben in Senftenberg - ist das nicht an den Haaren herbeigezogen?", fragt Stadtverordneter Klaus-Jürgen Graßhoff (CDU). Wohl wissend, dass hier vor anderthalb Jahren eine Ortsgruppe der Domowina gegründet wurde. Der Ex-Bürgermeister möchte dennoch wissen, warum es die Domowina in den 1980er-Jahren zugelassen hat, dass die nahezu flächendeckende Zweisprachigkeit an den Ortsschildern (siehe Foto) beseitigt wurde.

Der Forster Bürgermeister Philipp Wesemann (SPD) bekennt, für die Aufnahme der Stadt ins Siedlungsgebiet zu werben. Immerhin sei man Kreissitz von Spree-Neiße, in dem viele sorbisch-wendische Dörfer beheimatet sind. Wesemann: "Die Sorben/Wenden gehören zu unserer Geschichte, sind ein Alleinstellungsmerkmal und verleihen unserer Region zusätzlich Attraktivität."