Fangen wir am Anfang an: Das neue Jahr kam mit Schlagern, Raketen und Neujahrsansprachen. "Unser Freistaat ist erwachsen", kündigte der Sachse Stanislaw Tillich (CDU) an. "Das Jahr 2014 hatte es in sich", meinte der Brandenburger Dietmar Woidke (SPD), sparte sich aber Prognosen. Jetzt wissen wir, 2014 war Kinderkram gegen das, was danach kam.

Dresden war 2015 ganz wichtig. Alle guckten hin, alle wunderten sich, alle trauten ihren Augen kaum. Schade, dass der Titel "Stadt des Jahres" nicht vergeben wird. Dresden wäre es geworden. Innenansichten aus Sachsens Pegida-Hauptstadt liefen auf allen Kanälen, kein Qualitätsblatt ohne Analysen über Dresden und die Menschen darin. Böse Dresdner laufen montags mit Pappschildern durchs Barock, gute Dresdner bleiben zu Hause. Es schien, als wäre Pegida die einzige Party im Land. Zusammenfassend lässt sich da zum Jahresende wenig Gutes sagen. Ministerpräsident Tillich hält den Ruf seines Landes für nachhaltig beschädigt. "Wir werden eine lange Zeit brauchen, um dieses Bild zu korrigieren", sagt er. "Es gibt in Sachsen eine verdeckte, aber auch eine sehr offene und brutale Ablehnung von Asylsuchenden." Mit einigen dieser Menschen sei kein Dialog mehr möglich. "Sie lehnen Fremde, aber auch das demokratische System ab." Dabei stehe Sachsen doch für ganz andere Dinge. Reiche kulturelle Traditionen und eine starke Wirtschaft.

Stattdessen wurde 2015 in Talk-Shows das "Tal der Ahnungslosen" von allen Seiten abgetastet. Meterlangen Blog-Beiträgen ließen sich über das Dresdner Biedermeier aus, die "Wagenburg-Mentalität" in Dresdner Wohnzimmern und so fort. Dauernd sagten berühmte Dresdner was in die Mikros - Staatskapellen-Chefdirigent Christian Thielemann, Landeszentralen-Direktor Frank Richter, Politik-Professor Werner Patzelt oder Mundartdichter Olaf Schubert. Alle waren zumindest darin einig, dass beim erwachsen gewordenen Sachsen die Erziehung schief gelaufen ist. In Jahrzehnten, ja Jahrhunderten gelebter "Selbstbezüglichkeit und Selbstverliebtheit" seien die Zukunftsoffenheit und die Neugier auf Unbekanntes auf der Strecke geblieben, meinte der Dresdner Politikwissenschaftler Hans Vorländer über die Stadt, in der er lebt. Dass diese Stadt im Zweifel aufs Bewährte setzt, zeigte sich im Juli bei der Oberbürgermeister-Wahl. Der Neue heißt wie der Alte, Dirk Hilbert. Der FDP-Mann setzte sich durch gegen Innenminister Markus Ulbig (CDU), Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) und gegen die Pegida-Einpeitscherin Tatjana Festerling. Der Sieger freute sich über ein "fulminantes Ergebnis" und fuhr gleich in den Urlaub.

Harte Worte fielen in Debatten über Sachsen. Und es kamen immer noch mehr dazu. Im Sommer besuchte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) das Städtchen Heidenau vor den Toren Dresdens. Dort erweiterte er den Debattensprech um den Begriff "Pack". Gemeint waren Glatzen, die dort vor einem Flüchtlingsheim Bauzäune auf andere Leute schmissen. Tage später kam auch die Bundeskanzlerin nach Heidenau. Ihr brüllte eine wütende Menge "Verpiss Dich!" entgegen. In Freital blökte eine von Pegida zusammengetrommelte Menge vor einem Flüchtlingsheim. In Meißen brannte eine noch leere Unterkunft, auch in Chemnitz-Einsiedel brach sich der Volkszorn Bahn. Das alles ist unappetitlich, muss aber rein in den Jahresrückblick.

Sachsen machte mit derlei Ausfällen keine gute Figur. Auf einmal machte der "Säxit" die Runde. Die Idee, ein unbelehrbares Land vom großen Ganzen abzuspalten und sich selbst zu überlassen, ist noch düster bekannt vom "Grexit", der griechischen Variante.

Der Säxit debütierte in der Wochenzeitung "Zeit", wurde dann auf dem Meinungsmarkt zerpflückt und wieder vergessen. Später, im trüben Herbst, wärmte die bekannte Pegidistin Festerling den Säxit nochmal auf. Auf einem der sogenannten Abendspaziergänge der selbst ernannten patriotischen Europäer forderte die Ex-AfD-Frau den Austritt Sachsens aus der Bundesrepublik. Putzige Patrioten, die jeden Montag schreien "Wer Deutschland nicht liebt, muss Deutschland verlassen", und machen dann selbst die Fliege.

Die Pegida-Spitze schlug sich und vertrug sich. Ein Teil spaltete sich ab und machte sich erfolglos selbstständig. Das Konzept vom Säxit hat sich im Jahr 2015 nicht durchgesetzt. Warten wir ab, was im neuen Jahr draus wird. Bei Regierungschef Tillich steht ganz oben auf dem Zettel für 2016: "Wir müssen uns bemühen, unsere andere Seite zu zeigen." Die große Aufgabe, Flüchtlinge zu integrieren, bietet dazu Gelegenheit. Diese Aufgabe wird uns 2016 "in hohem Maße beschäftigen", meint Tillich.