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| 16:19 Uhr

Erstmals Deutsche im Irak entführt

Berlin. Erstmals seit dem Sturz des Diktators Saddam Hussein ist im Irak eine Deutsche entführt worden. Die neue schwarz-rote Bundesregierung steht damit kurz nach ihrem Start vor der ersten großen Bewährungsprobe. dpa vr rf/hc yydd du

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) verurteilte die Entführung der 43 Jahre alten Susanne Osthoff aus Bayern sowie ihres Fahrers am Dienstag in Berlin scharf und forderte von den Tätern die Freilassung. Laut ARD sollen die Geiselnehmer die Bundesregierung in einem Video aufgefordert haben, die Zusammenarbeit mit der irakischen Regierung einzustellen. Sonst werde die Geisel getötet. Dafür gebe es ein Ultimatum mit einer sehr "knappen zeitlichen Einschränkung".Osthoff, die mit einem Araber verheiratet ist und eine 11-jährige Tochter hat, organisierte seit mehreren Jahren Hilfslieferungen in den Irak. Die Bundesregierung hatte sich nicht am Irak-Krieg beteiligt, Deutschland leistet aber seit Kriegsende umfangreiche Wiederaufbauhilfe und bildet unter anderem in den Vereinigten Arabischen Emiraten irakische Polizisten aus.

Merkel sagte, die Bundesregierung werde "alles in ihrer Macht Stehende" tun, um die beiden Entführten in Sicherheit zu bringen und ihr Leben zu sichern. "Wir richten einen eindringlichen Appell an die Täter, beide unverzüglich in sichere Obhut zu übergeben." Die Angaben zur Nationalität des Fahrers wurden nicht gemacht. Merkel sprach den Angehörigen ihr Mitgefühl aus.

Das Außenministerium bekam nach eigenen Angaben am Samstag erste Hinweise auf eine Entführung einer Deutschen im Irak. Sie sei am Freitag zu einer Überlandfahrt im Irak aufgebrochen, am Zielort aber nicht eingetroffen. Vom Samstag an sei das Amt von einer möglichen Entführung ausgegangen und habe sofort einen Krisenstab eingerichtet.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) betonte in Washington während seiner ersten USA-Reise: "Oberste Priorität hat jetzt die körperliche Unversehrtheit der Betroffenen". Die Bundesregierung werde mit Umsicht und Vorsicht vorgehen. Das Auswärtige Amt riet den im Irak rund 100 lebenden Deutschen erneut dringend, das Land zu verlassen, und warnte vor Reisen in den Irak.

Bereits im Sommer hatten Terrorgruppen im Irak die jetzt entführte Deutsche laut der "Neuen Osnabrücker Zeitung" im Visier. Osthoff habe im Oktober in Bagdad berichtet, sie habe Entführungsdrohungen aus Kreisen von Abu Mussab al-Sarkawi erhalten. Sarkawi ist Anführer von El Kaida im Irak. US-Soldaten hätten sie aus Mossul nach Bagdad in die "Grüne Zone" in Sicherheit gebracht. Osthoff habe in Arbil im Nordirak ein deutsches Kulturzentrum aufbauen wollen und mit der Deutschen Botschaft in Bagdad sowie der kurdischen Regionalregierung Gespräche geführt. Nach US-Medienberichten von Mitte November soll Sarkawi von der El Kaida-Führung angewiesen worden sein, brutale Tötungen, die in den eigenen Reihen umstritten seien, einzustellen.

Die Mutter der Entführten sagte dem Fernsehsender N24, sie setze auf die Bundesregierung. Sie habe ihre Tochter seit etwa fünf Jahren nicht gesehen und von der Entführung in der Nacht zum Dienstag erfahren. Susanne Osthoff war nach dpa-Informationen zuletzt in Grafing bei München gemeldet. Bis Mai hatte die studierte Archäologin ihren Wohnsitz in Glonn. Anja Osthoff beschrieb ihre Schwester als engagierte Persönlichkeit. "Sie ist sehr stark. Aber auch natürlich innerlich zerbrechlich", sagte sie N24.

Ein hoher Diplomat, der bisher auch Verhandlungen in Geiselnahmen von Deutschen im Ausland geführt hat, sagte der dpa: "Es wird keine schnelle Lösung geben." Die Bundesregierung habe im Irak keine direkten Eingriffsmöglichkeiten und werde hauptsächlich über befreundete Staaten eine Lösung suchen. Der frühere Geheimdienstkoordinator der Bundesregierung, Bernd Schmidbauer (CDU), rechnete im Bayerischen Rundfunk mit Lösegeldforderungen.

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland verurteilte die Tat. Die Entführung unbeteiligter Zivilisten sei ein Verstoß gegen Kriegs-, Völker- und Menschenrecht und mit den Werten des Islam nicht vereinbar. Der Rat bot der Bundesregierung Hilfe an und rief Muslime in der Welt auf, sich auch für die Freilassung einzusetzen. Die sunnitische Islamische Partei im Irak verurteilte die Entführung ebenfalls. Die Deutsch-Irakische Gesellschaft warf den USA verfehlte Besatzungspolitik vor. Die deutschen Unternehmen verstärkten ihre Sicherheitsvorkehrungen. Seit dem Sturz des Saddam-Regimes 2003 wurden mehr als 200 Ausländer im Irak als Geiseln genommen. Mehrere Dutzend wurden ermordet.