"Wir möchten, dass jeder Mitbürger in der Lage ist, in öffentlichkeitsrelevanten Situationen mit spontan wirkenden Gesten - etwa heftigen Umarmungen - seiner Freude über die EU-Osterweiterung Ausdruck zu geben." Ein garstiger Scherz, der viel über die Stimmung in der geteilten Stadt verrät.
"Die Görlitzer haben noch eine gewisse Angsthaltung", sagt Georg Rittmannsperger, ein Hesse, der seit vier Jahren in Görlitz lebt und in den "Höfen am Flüsterbogen" am Untermarkt die Herberge "Zum sechsten Gebot" betreibt. Die deutsch-polnische Nachbarschaft sei noch nicht so ausgeprägt, findet der junge Gastronom. Gerade deshalb sei es wichtig, dass nun endlich die Altstadtbrücke über die Neiße wieder aufgebaut werde. Ein lang gehegter Traum, der endlich in Erfüllung geht. Nach mehr als zehn Jahren des bürokratischem und diplomatischem Verwirrspiels war heute feierlicher Baustart für das oft angekündigte und oft tot geglaubte Projekt. Dort, wo die Neißestraße in die Uferstraße mündet, wird die 82,5 Meter lange Brücke künftig Radfahrer und Fußgänger ins polnische Zgorz elec bringen.
Ein touristisches Kleinod mit europäischer Dimension: Im Juni 2004, kurz nach dem Beitritt Polens zur EU, soll die stählerne Brücke fertig sein. "Wir rücken vom Rand in die Mitte Europas", sagt der parteilose Oberbürgermeister Rolf Karbaum. Kein Wunder, dass neben Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) auch Parlamentarier aus Brüssel, Berlin, Dresden und polnische Kommunalpolitiker angereist waren.
Am 7. Mai 1945, auf den Tag genau vor 58 Jahren, war die Vorgängerbrücke an der selben Stelle von deutschen Wehrmachtstruppen auf dem Rückzug gesprengt worden. Seither gibt es nur noch eine, streng bewachte Brücke über den Grenzfluss, eine historische Trennung, die nun langsam überwunden wird. Gestern rammte Ministerpräsident Milbradt mit einem Spezialgerät die erste Spundwand für die neue Brücke am deutschen Ufer ein.
Als Zeichen des guten Willens haben die Stadtväter von Görlitz und Zgorzelec schon am Montagabend ein gemeinsames Logo für die Bewerbung als "Kulturhauptstadt Europas 2010" beschlossen. Darauf ist ein Männchen zu sehen, das über eine Brücke hüpft. In den vergangenen Jahren hatten der Betreiber der Vierradenmühle am deutschen Brückenkopf und der Dreiradenmühle auf polnischer Seite erst eine Seilbahn und später eine Art Holztafel zwischen beiden Ufern gespannt - als kulinarische Brückenschläge, die aber bald verboten wurden.
Fortan werden es wohl viele Einkäufer von beiden Seiten sein, die über die Brücke tippeln oder radeln, aber auch viele Touristen. Schließlich bleibt die teilweise originalgetreue Görlitzer Altstadt keine Sackgasse mehr. Die Brücke verlängert ihre Hauptachse, die mittelalterliche Handelsstraße via regia. Herbergsvater Rittmannsperger macht sich aber noch keine große Hoffnungen auf polnische Gäste. "In den letzten zwei Jahren hatte ich nur acht Polen hier", sagt er. Doch die Brücke bringe wieder mehr Leben nach Görlitz: "Der Kreis wird langsam rund."
Was das Leben in und um Görlitz herum ausmacht, darüber informiert morgen das MDR-Fernsehen ab 20.15 Uhr in der 90-minütigen Sendung "Schau ins Land".