Von Jürgen Scholz

Am Donnerstag ist von dem Arbeitgeberverband Paritätische Tarifgemeinschaft (PTG) der Flächentarifvertrag für die Sozialwirtschaft in Brandenburg unterzeichnet worden. Der umfasst erst vier Unternehmen, könnte aber Bewegung in die Branche bringen, die unter chronischem Fachkräftemangel und hoher Fluktuation leidet.

In Südbrandenburg sind zwei Unternehmen dabei: die ASB Altenpflegeheim GmbH Senftenberg und die BWS Spremberg GmbH. Weitere dürften folgen. So gibt es bereits Gespräche der Volkssolidarität mit der Pflegekasse, um die Sätze anpassen zu können, bestätigt die Tarifgemeinschaft. Das könnten dann weitere 1100 Arbeitsplätze sein, die in den Flächentarifvertrag kommen, schätzt die PTG ein, die nicht nur Mitglieder des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes vertritt, sondern auch – wenn gewünscht – andere Arbeitgeber. Sowohl Gewerkschaft als auch Arbeitgeber sehen im Flächentarif Vorteile – erspart man sich doch stressige Haustarifverhandlungen.

Und noch einen Vorteil sieht ASB-Einrichtungsleiter Marc Schäfer: Die Konkurrenz geht nicht mehr übers Geld, sondern über die Qualität. Im ASB Altenpflegeheim Senftenberg werden schon jetzt abhängig von Tätigkeit, Berufserfahrung und Dauer der Betriebszugehörigkeit 100 bis 300 Euro, teilweise bis 500 Euro mehr beim Bruttogehalt gezahlt. Dadurch kann eine Pflegefachkraft beispielsweise drei Euro mehr pro Stunde verdienen nach 15-jähriger Betriebszugehörigkeit – und käme dann auf 3040,16 Euro brutto im Monat. Damit liege das monatliche Engelt für eine Pflegefachkraft bei gleicher Arbeitszeit etwas höher als bei der Klinikum Niederlausitz GmbH, rechnet Verdi-Gewerkschaftssekretär Ralf Franke vor. Das Weihnachtsgeld betrage 65 Prozent, beim Klinikum nur 33,3 Prozent.

Das erhöht den Druck auf andere Arbeitgeber. In erster Linie wolle man den eigenen Mitarbeiterstamm halten, betont Marc Schäfer. Er geht zwar davon aus, dass insbesondere Betreiber kleinerer Heime unter Druck geraten, es sei aber kein Ziel, Mitarbeiter abzuwerben, „sondern wir müssen primär erreichen, dass der Pflegeberuf attraktiver wird“.

Neu ist im Vergleich zum bisher geltenden Haustarifvertrag in Senftenberg, dass bereits ab dem ersten Tag der Beschäftigung 30 Tage Urlaub gewährt werden (plus vier), es eine monatliche Zulage für Schichtarbeit von 40 Euro gibt, und wer kurzfristig „aus dem Frei“ zur Arbeit kommt, 25 Euro an Wochentagen und 30 Euro an Samstagen und Sonntagen erhält.

Die Mehrkosten fürs Personal zahlt derzeit allerdings der Gepflegte. Denn der Zuschuss der Pflegekasse ist gedeckelt. In der Senftenberger ASB-Einrichtung steigen die Kosten für einen zu Pflegenden somit um etwa 110 Euro, bei einem Eigenanteil von etwa 1350 Euro. Arbeitgeber wie Gewerkschaften fordern deshalb, die Deckelung bei den Zuschüssen der Pflegekasse aufzuheben. Da sei die Politik gefordert.

Bei der BWS Spremberg laufen die Berechnungen noch und werden erst bei den nächsten Verhandlungen mit der Pflegekasse im Herbst vorliegen. Eine Erhöhung werde es also erst im kommenden Jahr geben, so Personalleiterin Manuela Kretzschmar. Die 330 Beschäftigten der BWS Spremberg GmbH werden aber bereits ab April das Plus durch den Tarifvertrag beim Lohn spüren – rückwirkend zum 1. Januar für die Behindertenbetreuung, die Arbeit in Behindertenwerkstätten, für Erzieher in Kitas sowie in der Kinder- und Jugendhilfe, Sozialarbeiter aber auch für einfachste Tätigkeiten in der niedrigsten Entgeltstufe. Bei der BWS Spremberg GmbH erhöhe sich rückwirkend das monatliche Entgelt um 100 bis 300 Euro, teilweise um bis zu 450 Euro brutto. Denn auch bei der Betreuung in den Behinderteneinrichtungen wird es zunehmend schwerer, alle Stellen zu besetzen, bestätigt Manuela Kretzschmar. Sie geht davon aus, dass zehn bis 20 andere Unternehmen derzeit abwarten, wie es bei den Vorreitern mit der Refinanzierung klappt und dann eventuell folgen. Schon jetzt ist klar, dass die Tabellenentgelte sich 2020 um 3,29 Prozent, bei den Kita- sowie Kinder-und Jugendhilfetabellen um mindestens 3,02 Prozent erhöhen.

Vom Flächentarif profitieren derzeit etwa 2000 Mitarbeiter in Brandenburg, die Tarifgemeinschaft geht davon aus, dass diese Zahl im Lauf des Jahres auf 4000 Beschäftigte steigen könnte. Insgesamt gibt es bei größeren Trägern in Brandenburg laut PTG etwa 70 000 Beschäftigte, dazu kommen die in kleineren, privaten Einrichtungen.