David Jacob hat schon immer Kreativität erkennen lassen. Während seine Mitschüler im Abitur den Kopf voll hatten mit Vektorengleichungen oder Gedichtinterpretationen, brachte er mal eben sein eigenes Modelabel auf den Markt und verkaufte seine Klamotten auf dem Schulhof.

T-Shirts, Kapuzenpullover und Wollmützen sind aber nicht der Grund, warum in diesen Tagen Journalisten aus ganz Deutschland mit dem Kommunikationsdesign-Studenten aus Berlin sprechen wollen. Vielmehr könnte der 24-Jährige nun zusammen mit Kommilitone Philipp Kühn (25) den Arbeitsmarkt für Flüchtlinge revolutioniert haben.

Bis vor Kurzem waren die beiden noch zwei ganz normale Bachelor-Studenten. Doch als sie sich dazu entschlossen, als Projekt für ihre Abschlussarbeit eine Website für eine Flüchtlings-Jobbörse zu entwerfen, glückte ihnen ein Paukenschlag. Mitten hinein in die anhaltende Asyl-Kontroverse. "Wir wollten kein reines Design-Projekt machen, sondern etwas Politisches, mit Menschen." Und da hatten Jacob und Kühn ihr Thema rasch gefunden. "Wir haben uns gefragt, welche Problemfelder für Flüchtlinge wir lösen können", sagt David Jacob. "Und das Arbeitsfeld ist eine der gravierendsten Angelegenheiten."

Drei Monate später ist sie nun online gegangen: die erste Jobbörse in Deutschland sowohl für Geflüchtete, die arbeitsuchend sind, als auch für Arbeitgeber, die etwas für Exilanten übrig haben.

Ihr Internetauftritt heißt "workeer" und arbeitet nach folgendem Prinzip: Die Arbeitgeber laden ihre Jobangebote samt Salär, Zeitraum und Sprachanforderungen hoch, und die Flüchtlinge erstellen ein Profil mit ihren Vorstellungen. Wer zusammenpasst, findet zusammen. Fertig ist der Berufsbasar. Vom Ayurveda-Therapeuten über den Koch und Sicherheitsmitarbeiter bis hin zur Zahnarzthelferin werden Stellen inseriert. Jacob: "Wir haben in der Recherche viele Asylbewerberheime abgeklappert. Das Feedback hat deutlich gemacht, dass viele Flüchtlinge nur rumsitzen. Wir haben Ärzte getroffen, die Pizza ausliefern, nur um überhaupt etwas zu tun. Doch diese Menschen wollen sich nicht als Sozialhilfeempfänger fühlen, sondern auf eigenen Beinen stehen."

Oftmals scheitern Flüchtlinge, weil sie keine Ahnung haben, wie angemessene Bewerbungen anzufertigen sind, erklärt David Jacob. Also suchten Philipp Kühn und er nach einem Weg, den Bewerbungsvorgang zu vereinfachen. Das Ergebnis: Durch "workeer" haben die Menschen nun sogar interaktive Bewerbungsmappen.

Da es sich bei der kürzlich online gegangenen Version allerdings um einen Erstentwurf handelt, der noch Schwachstellen im Informations- und Servicebereich hat, wollten die beiden ihr gut gemeintes Flüchtlings-Forum zwar schon mal hübsch im Freundeskreis bewerben, aber noch nicht damit an die Öffentlichkeit gehen. "Doch dieser Plan ist grandios gescheitert", lacht Jacob. Denn nachdem sein Partner die Website in einem Twitter-Beitrag erwähnte, "ging das Ding richtig durch die Decke". Mittlerweile hat der Tweet über 1300 Weiterverbreitungen durch andere User. Auf diesen Wert von Retweets kommt zuweilen nicht mal Barack Obama. Diese überwältigende Resonanz hilft darüber hinweg, wenn sie im Netz vereinzelt auch mal als "Vaterlandsverräter" beschimpft werden.

Gleichwohl wissen die beiden Designer, dass sie mit ihrer Initiative kaum das diffus anmutende Arbeitsrecht für Flüchtlinge und Asylbewerber ändern werden. Doch das ist auch nicht ihre Aufgabe. "Das Thema ist wahnsinnig komplex. Je nach Aufenthaltsstatus muss man sich da jedes Mal individuell einfuchsen", sagt Jacob. Kühn ergänzt: "Unsere Website soll eher als Plattform verstanden werden. Die Bewerbungen müssen alle nochmal vom Arbeitsamt oder den Behörden geprüft werden."

Nichtsdestotrotz ist ihre Plattform schon jetzt ein ähnlicher Lichtblick in der hiesigen Integrationskultur wie die Fußballmannschaft "Welcome United", die in Babelsberg ausschließlich Flüchtlinge beherbergt und demnächst ihre ersten Punktspiele in der Kreisklasse austragen wird.

Projekte wie diese lassen sich zweifelsohne nur von Menschen ins Leben rufen, die auch im Privaten Verständnis für Einreisende aufbringen. Das macht aus David Jacob noch lange keinen naiven Gutmenschen, denn sehr wohl ist sich der junge Mann bewusst, dass es zwischen Flüchtlingshilfe und Freital eine Menge Grauzonen gibt, die man auch kritisch bewerten sollte. Trotzdem stellt er klar: "Wenn Menschen in Syrien vor dem Bürgerkrieg fliehen, gibt es nichts zu diskutieren. Wir sind das reiche Deutschland und haben die Aufgabe, zu helfen. Es gibt keinen Grund, sich nicht zu engagieren." Mit seiner Jobbörse für Flüchtlinge hat der Berliner schon mal eindrucksvoll vorgemacht, wie Engagement aussehen kann.

www.workeer.de

Zum Thema:
Die Erlaubnis für Asylbewerber und Kriegsflüchtlinge, in Deutschland eine Arbeit aufzunehmen, richtet sich stark nach ihrem Aufenthaltsstatus. Anerkannte Asylbewerber dürfen uneingeschränkt arbeiten. Wer sich noch im Asylverfahren befindet, und deshalb eine "Aufenthaltsgestattung" hat, oder wer wegen Abschiebungshindernissen oder aus anderen Gründen "geduldet" wird, darf nur unter Einschränkungen einen Job antreten. Hier einige wichtige Regelungen: Zustimmung der örtlichen Ausländerbehörde und der Arbeitsagentur und mindestens drei Monate Aufenthalt in Deutschland. Die Arbeitsagentur prüft, ob es unter den einheimischen Arbeitsuchenden bereits geeignete Bewerber für die Stelle gibt, sie genießen Vorrang. Nach 15 Monaten Aufenthalt in Deutschland entfällt diese "Vorrangprüfung". Zeit- oder Leiharbeit wird erst nach vier Jahren Aufenthalt gestattet. Wer falsche Angaben zu seiner Identität gemacht hat, bekommt keine Arbeitserlaubnis. sim