Diese soll eine neue Übergangsregierung benennen und ein Grundgesetz erarbeiten. Spätestens in einem Jahr sind Parlaments- und Präsidentschaftswahlen geplant.

Vor vielen Stimmlokalen bildeten sich bereits kurz nach der Öffnung lange Schlangen. „So etwas hat es in Tunesien noch nie gegeben“, berichteten Augenzeugen. Nach Angaben der EU-Wahlbeobachtungsmission kam es vereinzelt auch zu Chaos. „Die Wahllokale sind aber überall offen“, sagte Delegationsleiter Michael Gahler.

Mit Spannung wird erwartet, welches politische Lager in der verfassungsgebenden Versammlung die Mehrheit stellen wird. Für die 217 Sitze kandidieren 11 618 Kandidaten. Umfragen zufolge könnte die islamistische Ennahdha-Bewegung von Rachid Ghannouchi mit 20 bis 30 Prozent der Stimmen die stärkste Einzelpartei werden. Sie hat allerdings nur wenige mögliche Koalitionspartner und damit nur geringe Aussichten, die politische Führung zu übernehmen.

„Das ist ein historischer Tag. Ich bin 70 Jahre alt, und es ist das erste Mal, dass ich wähle“, sagte Ghannouchi. Er erwarte, dass seine Bewegung das beste Ergebnis holen wird, fügte Ghannouchi hinzu.

„Der Ansturm der Tunesier auf die Wahllokale übertrifft alle Erwartungen“, sagte der oberste Wahlaufseher Kamel Jendoubi am Sonntagmittag in der Hauptstadt Tunis. Er hoffe auf eine Wahlbeteiligung von mehr als 60 Prozent.

Der Ablauf der Wahlen wird auch im Ausland mit großem Interesse verfolgt. Im Januar hatten die Tunesier als erstes Volk in der Region erfolgreich gegen die autoritäre Herrschaft ihrer Führung rebelliert. Tunesien wird deshalb auch als Mutterland des „arabischen Frühlings“ bezeichnet. Der gestürzte Herrscher Ben Ali lebt seit seiner Vertreibung in Saudi-Arabien im Exil.

Der Urnengang gilt zudem als erste freie Wahl in der Geschichte des nordafrikanischen Mittelmeerlandes. Seit der Unabhängigkeit von Frankreich im Jahr 1956 gab es mit Habib Bourguiba und Ben Ali gerade mal zwei Präsidenten.