Dass sie jedoch bis vor 15 Jahren auf deutschem Boden gesetzlich möglich war, ist weniger bekannt. Bis 1968 bedienten sich die Machthaber der ehemaligen DDR dabei mittelalterlicher Methoden und köpften die zum Tode Verurteilten mit der Guillotine. Später tötete der Henker durch Nahschuss in den Hinterkopf. Erst am 18. Dezember 1987 - 38 Jahre nach dem Westen - wurde die Todesstrafe auch im Osten Deutschlands abgeschafft.
Verkündet wurde diese Entscheidung bereits ein halbes Jahr zuvor in der DDR-Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera". Zuvor waren in Bonn Hinweise gestreut worden, dass mit einer interessanten Meldung zu rechnen sei. Hintergrund: Der Staatsbesuch von Erich Honecker in der Bundesrepublik Deutschland stand unmittelbar bevor und diese hatte sich immer wieder nachdrücklich für den Verzicht auf die Strafe ausgesprochen. Um außenpolitische Anerkennung bedacht, wollte Honecker daher die Streichung des Paragrafen 60 aus dem Strafgesetzbuch der DDR verkünden.
Rechtlich wirksam war dieser Akt jedoch nicht. Zur Streichung des Paragrafen bedurfte es eines Gesetzes der Volkskammer. Honecker versuchte dies durch einen Beschluss des Politbüros zu umgehen, wonach am 17. Juli 1987 alle Bestimmungen für ungültig erklärt wurden, die der Streichung entgegenstanden. Dieses Verfahren verstieß jedoch gegen die DDR-Verfassung. Erst am 18. Dezember 1987 verabschiedete die Volkskammer das 4. Strafrechtsänderungs-gesetz, mit dem die Todesstrafe wirklich Vergangenheit war.

Letzte Hinrichtung 1981
Tatsächlich vollstreckt wurde die Todesstrafe zuletzt 1981 - bis dahin nach heutiger Kenntnis fast 200-mal. Der Stasi-Hauptmann Werner Teske gilt als der letzte Verurteilte, der in der zentralen Hinrichtungsstätte der DDR in Leipzig durch Erschießen starb. "Es gab das Todesurteil. Aber ich habe daran zehn Jahre nicht geglaubt", sagt seine Witwe heute. "Die Wahrheit habe ich erst 1990 erfahren." Bis dahin hat sie für Außenstehende mit der Lüge gelebt, dass ihr Mann bei einem Autounfall ums Leben kam. Zur Legende gehörte, die Vergangenheit der Familie auszulöschen: Aus Sabine Teske wurde Sabine Kampf.

Gegen geltendes DDR-Recht
Teske war vom 1. Militärstrafsenat des Obersten Gerichts der DDR wegen Spionage und vorbereiteter Fahnenflucht verurteilt worden. Die Verhängung der Höchststrafe widersprach auch damals geltendem DDR-Recht. Aber nur zwei der damaligen Prozessbeteiligten konnten nach dem Ende des SED-Staates noch zur Rechenschaft gezogen werden. 16 Jahre nach dem Tod Teskes verurteilte das Berliner Landgericht im Juli 1998 einen früheren DDR-Militärrichter und einen Militärstaatsanwalt wegen Totschlags und Rechtsbeugung beziehungsweise Beihilfe zu vier Jahren Haft. "Der Bundesgerichtshof hat in mehreren vergleichbaren Fällen bestätigt, dass die Todesurteile auch nach DDR-Recht überzogen und Unrecht waren", schildert der Berliner Ex-Generalstaatsanwalt Christoph Schaefgen.
Dass Leipzig nach Dresden und Frankfurt (Oder) ab 1961 zentrale Hinrichtungsstätte der DDR war, wussten nach Aussagen des Berliner Journalisten Gerald Endres auch im Osten nur wenige. Sein Dokumentarfilm "Mit der Härte des ganzen Gesetzes - Todesstrafe in der DDR" beleuchtet das düstere Kapitel. In Gedenken an die durch die DDR-Mächtigen Getöteten soll die Hinrichtungsstelle erhalten bleiben.
Wesentlich beteiligt an der Aufarbeitung des Themas war der heutige Leiter des Leipziger Gefängnisses, Rolf Jacob. Als Staatsanwalt bekam er vom Leipziger Krematorium die entscheidenden Hinweise. Denn dort waren die Hingerichteten als unbekannte Leichen eingeäschert worden. "Ich war erschüttert, mir sind die Tränen gekommen", erinnert Jacob sich. "Hätte ich es nicht selbst gesehen, hätte ich es nicht geglaubt."